Günzburg/Ulm / EDWIN RUSCHITZKA  Uhr
Das Ulmer Münster steht in Günzburg. Klar doch, natürlich nicht das echte, sondern nur ein Nachbau aus 112 000 Lego-Steinchen. Zum Münsterturm-Jubiläum kann man es bald im echten Münster bestaunen. Mit Video und Bildergalerie
Jobs gibt’s auf dieser Welt, da kann man nur staunen, davon träumen sicher viele Kinder: Vera Feldmann (58) und Anastasia Trautwein (44) verdienen ihr Geld spielend. Fast jedenfalls, denn sie können tagtäglich in einem Riesenfundus aus kleinen Legosteinen wühlen. Daraus bauen sie bekannte Stadtansichten und Gebäude nach, die im Günzburger Legoland zu sehen sind. Jetzt haben sie auch das Ulmer Münster nachgebaut. Das Modell ist vom 31. Mai an bis zum Jahresende im Münster zu sehen.

166 Jahre lang haben die echten Baumeister und die vielen ungezählten Steinmetze von 1377 bis 1543 an der Ulmer Bürgerkirche gebaut. Eine lange und bewegte Zeit, in der Ulm vom katholischen zum evangelischen Glauben wechselte. Doch erst richtig fertig war das Münster mit der Vollendung des höchsten Kirchturms der Welt (161,53 Meter) im Jahr 1890. Und so wurden also nochmals 46 Jahre auch am südlichen und nördlichen Chorturm sowie an den Streben und Fialen am Kirchenschiff gebaut. Im Vergleich dazu waren die beiden Modelldesignerinnen Vera Feldmann und Anastasia Trautwein geradezu blitzschnell: Sie brauchten nur vier Monate, um die Pläne und vielen Fotos zu studieren und dann 112 000 gängige Legosteinchen aufeinander zu schichten und zu verkleben.

Es ist Samstagnachmittag auf dem gut besuchten Legoland-Gelände in Günzburg. Unter einem leuchtend gelben Tuch ist das Objekt der Begierde zu ahnen. Kamerateams aus nah und fern sind dabei, um den großen Moment festzuhalten. Die Sonne strahlt und das gelbe Tuch wird gelüftet. Die beiden kleinen Turmspitzen sind noch mit aufgeschnittenen und übergestülpten Plastikflaschen geschützt. Dennoch erklingen die ersten Ahhs und Ohhs. Dann nehmen die beiden Baumeisterinnen den separat stehenden Turm und setzen ihn ganz vorsichtig obendrauf. Nein, im letzten Moment darf nichts Unvorhergesehenes passieren. Fertig. Das Münster steht und die beiden Oberbürgermeister, Ivo Gönner aus Ulm und Gerhard Jauernig als Günzburger Gastgeber, klatschen, auch der aktuelle Münsterbaumeister Michael Hilbert. Von Letzterem gibt’s vielleicht das dickste Lob: „Wahnsinn!“, sagt er.

Video von der Einweihung des Münsters im Legoland

 

In der Tat, es sieht beeindruckend aus, das Mini-Münster im Maßstab 1:70. Im Vergleich zum dunklen und durch die Umwelteinflüsse ergrauten Original ist das in den hellen Farben gehaltene Lego-Münster richtig bunt, vielleicht so wie ganz am Anfang. Helles Ocker und Rot stehen für Sandstein und Ziegel, das Türkis für den Grünspan auf dem Kupferdach. Verwendet wurden nur gängige Legosteinchen, kein einziges durfte irgendwie verändert werden. „Da wurde nichts geschnitten oder gesägt“, sagt Vera Feldmann (58). Sie hat das Schreinerhandwerk erlernt, bis sie vor 14 Jahren ins Legoland kam. Und ihre Kollegin Anastasia Trautwein hat in Moskau Architektur und Kunstgeschichte studiert und heuerte vor fünf Jahren bei Legoland an. Der Nachbau des Ulmer Münsters, so sagen sie, sei eine große Herausforderung gewesen, vor allem die Gestaltung des Portals. Was am Maßstab 1:70 liegt. „Deshalb kommt man mit Legosteinen schnell an die Grenzen“, erklärt Vera Feldmann. Die anderen Gebäude in der Städtelandschaft im Günzburger Legoland, an denen sie gebaut hat, sind im Maßstab 1:20 erstellt worden. „Da kann man mit den kleinen Legosteinchen viel detailgetreuer arbeiten.“

Im Günzburger Legoland sind fünf Modellbauer beschäftigt. Sie kümmern sich eher um die Wartung und Reinigung der vielen Modelle. Für die Konstruktion, auch für Modelle, die in den anderen fünf Legoland-Parks stehen, sind die Modelldesigner zuständig. Ein Traumjob für das Duo Feldmann/Trautwein, das am Samstag auf ganz andere Art und Weise gefordert ist: Fotoshooting vor und hinter dem Münster, auch oben drüber. Ein Fotograf möchte, dass Vera Feldmann auf eine kleine Leiter steigt und auf den Münsterturm herabblickt: „Ohje“, sagt sie etwas bleich um die Nase, „ich bin doch nicht schwindelfrei.“ Der richtige Münsterbaumeister Michael Hilbert hat das nicht mehr mitbekommen. Er vergnügt sich mit seinem Sohn achterbahnfahrend im Legoland . . .