Ulm Das Mädchen, das unheimlich geliebt wird

Ulm / RUDI KÜBLER 09.04.2012
Seit etwas mehr als vier Jahren unterstützt die Ulmer Medizinstudentin Maria Dillmann einen Massai-Stamm im Norden Tansanias: Endulen. Fast 100.000 Euro sind mittlerweile für Hilfsprojekte dorthin geflossen.

Die erste Nacht war schrecklich. Sie, 18 Jahre alt, mitten im afrikanischen Busch. Mitten unter Massai, ohne Suaheli zu sprechen. Ohne Telefon, ohne Internet, um Kontakt mit ihrer Familie in Deutschland halten zu können. Heute lacht Maria Dillmann, wenn sie sich daran erinnert – damals war ihr freilich mehr zum Heulen zumute. Ihr Gedanke: „Worauf um Himmels willen habe ich mich da eingelassen? Es ging mir überhaupt nicht gut.“ Es sollte noch einmal ganz schrecklich werden, viel später, beim Abschied aus Tansania. Die Massai hatten die junge Frau aus Deutschland inzwischen ins Herz geschlossen und ihr zwei Namen gegeben: „Timanoi“ (unsere Kleine) und „Nanyori“ (das Mädchen, das unheimlich geliebt wird).

Dazwischen lag ein Jahr, in dem Maria Dillmann ungeheuer viel Positives erfuhr, Freunde gewann und dabei lernte, ihre „Gaben und Begabungen“ dort einzusetzen, wo sie dringend benötigt wurden: zunächst in einem Kindergarten und in einem Aids-Waisenhaus im Süden, später dann im Endulen Hospital im Norden des Landes. Überall tat sich ihr nach einem Jahr der Eindruck auf, „ich bin hier noch nicht fertig“. Was sie letztlich auf die Idee brachte, einen Verein zu gründen, um die Menschen direkt vor Ort zu unterstützen. Sie konnte den OP-Saal renovieren, eine überdachte Notaufnahme errichten, ein Röntgengerät und Patientenbetten beschaffen und und und.

Doch halt, wie kam die damals 18-Jährige überhaupt nach Tansania? Nach dem Abitur wollte Maria Dillmann nicht direkt ins Studium wechseln; etwas Soziales machen, über den Tellerrand schauen – das war ihre Motivation. Über Umwege landete die Münchnerin bei den Missions-Benediktinerinnen aus Tutzing. „Dich schickt der Himmel“, hieß es dort, weil eine Missionarin auf Zeit kurzfristig abgesprungen war. Maria Dillmann überlegte nicht lange, sondern übernahm die Stelle – und fand sich kurz darauf mitten im tansanischen Busch wieder. Aber nicht um zu missionieren, wie sie sagt. Es gehe vielmehr darum, „mitzuleben, mitzubeten und mitzuarbeiten“.

Was eine Missionarin auf Zeit braucht? Die Bereitschaft zu einer einfachen, solidarischen Lebensweise; die Flexibilität und Bereitschaft, sich auf neue Situationen einzustellen; die Offenheit, den Glauben und das Leben mit Menschen einer anderen Kultur zu teilen sowie ausreichende Sprachkenntnisse beziehungsweise die Bereitschaft, die nötige Sprache noch vor dem Einsatz zu erlernen. So steht es in einem Kurzinfo der Tutzinger Schwestern. Von Vorbereitungszeit konnte indes keine Rede sein, die Lehrerstochter wurde mehr oder weniger ins kalte Wasser geworfen. Was die Sprachkenntnisse betrifft, war das Wasser sogar eiskalt. Wer spricht schon Suaheli? Sie jedenfalls bis dato nicht, aber was blieb ihr übrig? „Ich war die einzige Weiße dort, niemand sprach Englisch.“ Nach vier Monaten konnte sie sich gut verständigen, nach sechs Monaten träumte sie auf Suaheli.

Was folgte, war Endulen. Eine kleine Klinik im Norden Tansanias, inmitten des Ngorongoro-Naturschutzgebiets, ausgestattet mit dem Nötigsten für die medizinische Grundversorgung von rund 70.000 Menschen im weiten Umkreis: Labor, Apotheke, Röntgen- und Ultraschallraum, zwei OP-Räume und 72 Betten. Kleine Eingriffe können hier vorgenommen werden; stehen größere Operationen an, werden die Patienten nach Arusha überwiesen, berichtet Maria Dillmann, die im Endulen Hospital ein Pflegepraktikum absolvierte.

Das Leben dort – unterschiedlicher kann es nicht sein zu dem in Deutschland. Die Einfachheit. Die Reduktion darauf, was wirklich wichtig ist. Die Geschwindigkeit. Die Natürlichkeit. All das ist so anders. Auch der Umgang der Menschen miteinander. Man müsse einfach die Kultur der Massai akzeptieren, sagt sie – dass beispielsweise die Rollen von Mann und Frau eindeutig definiert sind. Traditionell eben? Ja und nein, ihr falle es auch nach sechs Jahren immer noch schwer, das Rollenverständnis in Worte zu fassen. Klar, „mein Platz als Frau ist in Tansania ein anderer als hier in Deutschland“, sagt Maria Dillmann. Das klinge vielleicht nicht emanzipiert, räumt sie ein, „im Umkehrschluss bedeutet dies aber nicht, dass ich mich unterbuttern lasse“. Oder dass die Massai-Frauen nichts zu sagen hätten. Der Zusammenhalt gerade unter den Frauen sei groß, „das ist eine richtige Gemeinschaft. Ich fühle mich dort zum Teil wohler als in Deutschland.“

Nein, einen Kulturschock hatte sie nicht – nicht in Tansania. Sondern bei der Rückkehr nach Deutschland. Zusammen mit Florian Schneider, der als Missionar auf Zeit im Endulen Hospital arbeitete und jetzt ebenfalls Medizin studiert, keimte die Idee, einen Verein zu gründen. Einen Verein, der konkrete Projekte in Endulen zu realisieren hilft. Nicht über die Massai hinweg, „der Anstoß zu den Projekten kommt immer von ihnen. Die Einheimischen sind die Profis – nicht wir.“

Anfangs sind die beiden belächelt worden, Spötter verpassten Maria Dillmann schnell die Bezeichnung „Die weiße Massai“ – in Anspielung auf den gleichnamigen Film und das Buch. Für die 24-Jährige eine Beleidigung, „ganz schlimm“. Die Frau spreche kein Suaheli und lasse auch sonst kein kulturelles Fettnäpfchen aus. „Ich wehre mich mit Händen und Füßen gegen eine solche Darstellung. Das beste an dem Film ist die Musik.“

Ihr Ziel, sagt die Medizinstudentin, sei nicht, die Welt zu retten oder den armen, schwarzen Kinderlein zu helfen, „wir machen anderen Mut, eigene Ideen zu entwickeln, sie in die Tat umzusetzen und Eigenverantwortung zu übernehmen“. Der Verein finanziere aber auch Operationen – beispielsweise für die siebenjährige Nengai, die unter ihrer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte litt. Das Mädchen war einmal kurz am Hospital aufgetaucht, aber ebenso schnell wieder im Busch verschwunden. Wohl aus Scham. Dillmann und Schneider ließen Nengai suchen und überzeugten die Familie. 300 Euro kostete die OP schließlich, keine große, aber eine lebensverändernde Sache, sagt Maria Dillmann. Das Mädchen blicke einen ganz anders an.

Der Medizinstudentin ist eines klar: „Mein Ziel: in Tansania arbeiten und leben.“

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