Ulm Das Herz: der Münsterplatz

Ulm / HANS-ULI THIERER 26.05.2015
Erst wurden Paraden abgehalten, dann Autos abgestellt. Jetzt endlich wird er Nabel der Stadt. Ein Bürgerplatz.

Erst wurden Paraden abgehalten, dann Autos abgestellt. Jetzt endlich wird er Nabel der Stadt. Ein Bürgerplatz." Mit diesen Worten sagte Gerhard Lorenz, damals Münsterbaumeister und eine Institution in der Stadt, im November 1993 zur Eröffnung des Stadthauses des amerikanischen Architekten Richard Meier die Zukunft des Münsterplatzes voraus. Der Platz vor dem höchsten Kirchturm der Welt, dem sich das Stadthaus zuwendet, war grundlegend umgestaltet worden. In einen Ort, der im Stadtzentrum alle denkbaren urbanen Nutzungen ermöglicht und auf dem sich Stadtgeschichte widerspiegelt.

Kirchplatz Im Mittelalter war der Münsterplatz Kirchplatz und Kirchhof. Kirchplatz, weil sich vor dem unvollendeten Turm als Gebäudekomplex das Barfüßerkloster befand; Kirchhof, längere Zeit auch Friedhof, den am südlichen Münsterplatz bis zu seinem Abbruch 1807 der Ölberg prägte, ein steinerner Pavillon des gotischen Baumeisters Matthäus Böblinger (1450-1505).

Aufmarsch- und Paradeplatz Noch immer ist Ulm Sitz einer militärischen Einrichtung: des multinational besetzten Nato-Kommandos operative Führung. Ohne Zweifel aber hat der Garnisonsstandort seit dem politischen Wandel in Osteuropa an strategischem Rang eingebüßt. Den Militärs hatte der Münsterplatz regelmäßig für Paraden und Aufmärsche gedient. Auch den Nazis: Kurz nachdem Hitler an die Macht gekommen war, feierten tausende Ulmer am 20. April 1933 "Führers" Geburtstag.

Verkehrs- und Parkplatz In den 1920er Jahren erlebte Ulm nicht nur die Automobilisierung der Stadt. Auch das Straßenbahnnetz wurde ausgebaut. Es erreichte 1929 mit vier Linien und 13 Kilometern Länge seine größte Ausdehnung. Die Linie 3 kam vom Ostbahnhof her durch die Platzgasse, wo die Tram übern Münsterplatz fuhr. An dessen südwestlichem Ende stieß sie auf die Linie 2, die vom Ulmer Hauptbahnhof zum Neu-Ulmer Bahnhof führte. Nach der Kriegszerstörung wurde das Liniennetz zunächst wieder aufgebaut, dann aber - bis auf Linie 1 - zugunsten von Busverkehren aufgegeben. Der Münsterplatz diente ab Mitte der 1950er Jahre als Autoparkplatz in bester Lage.

Marktplatz Selbst an Markttagen oder während der Wintermesse, der lärmenden Vorgängerin des durch den damaligen Oberbürgermeister Ernst Ludwig initiierten Weihnachtsmarktes, konnten Autofahrer ihre Pkw auf dem Münsterplatz abstellen. So lange, bis der Gemeinderat auf Drängen Ludwigs 1985 eben nicht nur einen Weihnachtsmarkt auf dem Münsterplatz beschloss, sondern auch, den Platz selber grundlegend neu zu gestalten. Als erstes wurde er vom Blech befreit. Über die Jahre hinweg ist der Münsterplatz aber Marktplatz geblieben. Der Eier- und Geflügelmarkt, dessen Standort zuvor auf dem Marktplatz hinterm Rathaus gewesen war, wurde nach dem Umbau des Münsterplatzes in den Obst- und Gemüsemarkt integriert. Ulmer Markttage sind traditionell Mittwoch und Samstag.

Festplatz So unterschiedliche Bespielmöglichkeiten die vielfältige Nutzbarkeit eröffnet, so groß sind die Konflikte, die daraus resultieren. Was City-Bewohnern viel zu lange viel zu laut geht, kann Besuchern oft nicht lang genug dauern und laut genug sein. Alle Jahre wieder spitzt sich der Streitfall zu Schwörmontag zu. Dennoch ist nicht nur der alte Münsterbaumeister Lorenz überzeugt: Das Herz von Ulm schlägt auf dem Münsterplatz, wo Heimattage ebenso stattfinden wie Landesposaunentage oder deutsche Feuerwehrfeste. Nur das Cityfest, das schon mal 60.000 Besucher auf die Beine brachte, ist vor Jahren gestorben - aus unerfindlichen Gründen.

Schau- und Showplatz Der Münsterplatz war Schauplatz für Autoshows und Startplatz für Rallyes. Der Sport hat ihn für sich entdeckt, ob als Ort des Zieleinlaufs beim Einstein-Marathon, von deutschen Meisterschaften im Kugelstoßen oder Basketball unter freiem Himmel im kommenden August. Immer am Schwörwochenende ist der Münsterplatz Showbühne für internationale Stars. Er hat Elton John, The Who und Pink gesehen. Auch die spanische Sopranistin Montserrat Caballé hat unterm Münsterturm gesungen. Am Freitag und Samstag, 29. und 30. Mai, steht auf ihm die Bühne fürs "klangfest@125", dem Open-Air-Ersatz für die abgeblasene Weltpremiere des "Ulmer Oratorium".

Platz der Stadtentwicklung Den vielleicht größten Gefallen, den der Münsterplatz Ulm getan hat, war seine Neugestaltung mit dem Stadthaus. Es musste 1987 erst einem Bürgerentscheid standhalten, ehe es realisiert werden konnte. Damit ging eine mehr als 100 Jahre währende Debatte zu Ende, wie der Platz nach dem Abbruch des Barfüßerklosters wieder angemessen gestaltet werden könnte. 1924 hatten nicht weniger als 478 deutsche Architekten Vorschläge gemacht. Darunter Berühmtheiten wie Richard Riemerschmid, Architekt der Kammerspiele München und der Ulmer Wieland-Villa in der Olgastraße. Sein Vorschlag, einen voluminösen Jugendstil-Komplex am südwestlichen Eck zu platzieren, ist nie ernsthaft in Erwägung gezogen worden. Anders 60 Jahre später Richard Meiers Stadthaus. Der aus der Kreisform heraus entwickelte, locker gegliederte und im Erdgeschoss durchlässige Baukörper, der elegant auf die architektonische Wucht des Münsters antwortet, hat nicht nur den nach Südwesten ausfransenden Münsterplatz in Fassung gebracht. Er hat vor allem den Weg geöffnet für weitere entschiedene Neugestaltungen in der Innenstadt, von denen die Neue Mitte das sinnfälligste Beispiel ist. Und er hat Ulm einen Bürgerplatz beschert. Wie recht Gerhard Lorenz doch hatte.

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