Ulm Das Gewölbe der Musikgeschichte

HELMUT PUSCH 23.10.2013
Der Sauschdall ist eine Ulmer Institution. Und eines der dienstältesten Etablissements seiner Art in Deutschland. Am kommenden Wochenende feiert der Jazzkeller sein 50-jähriges Bestehen.

Ulm, Anfang der 60er Jahre. Der Beat wurde gerade erfunden, der Blues war noch eine rein schwarze Musik jenseits des großen Teichs. Der Rock n Roll hatte sich nach dem Wehrdienst Elvis Presleys in Deutschland vom einstigen Rebellentum zur anerkannten Unterhaltungsmusik gemausert.

Unterhaltungsmusik wurde auch in den Ulmer Tanzcafés gespielt, meist von Musikern, die sich ihr Rüstzeug in den Clubs der Amerikaner erarbeitet hatten. Und dort wurde vor allem eins gespielt: Jazz. Überhaupt: "Jazz war damals viel präsenter, wurde viel im Radio gespielt. Das war der Pop der damaligen Zeit." Das sagt einer, der es wissen muss: Peter Gruber, Ulmer Schlagzeuginstanz und vor 50 Jahren einer, der den Sauschdall mit aus der Taufe hob.

Der war beileibe nicht der erste Jazzkeller in Ulm: In einem alten Luftschutzbunker neben dem Justizgebäude hatte es einen Vorläufer gegeben, der aber wegen fehlender Damen-Toiletten schon bald wieder seine Pforten schließen musste. Und auch der erste Anlauf des Sauschdalls war nur von kurzer Dauer. In den Kasematten am Saumarkt hatten die Jazzbegeisterten versucht, Fuß zu fassen. Dort war es aber derart feucht, dass das Kondenswasser regelrecht an den Wänden herunterfloss.

"Das haben wir bald wieder aufgegeben", erzählt Gerhard Vetter, einer der Initiatoren. Nur eines ist vom Saumarkt geblieben: der Name Sauschdall. Wer ihn damals erfunden hat? "Vermutlich war ich das", sagt Vetter, "aber nach 50 Jahren bin ich mir da nicht mehr so sicher." Sicher sei er aber, dass er sich nach dem Umzug in die Prittwitzstraße dafür stark gemacht hatte, den Namen zu behalten - auch ohne Saumarkt. Und Vetter war es auch, der damals sogar ein Schild für den Sauschdall entwarf, das aber niemals ausgeführt wurde.

Dass der Sauschdall in der Nachbarschaft der heutigen Hochschule sein neues Domizil fand, war eigentlich logisch. Denn an der Staatlichen Ingenieursschule werkelte einer im AStA als Jazzreferent, den die Ulmer vor allem als SPD-Politiker kennen: Eberhard Lorenz, der später für die Sozialdemokraten im Stadtrat und im Landtag saß. Lorenz veranstaltete damals schon Konzerte in der Aula der Schule, und als sich die Gruppe auflöste, die das alte Festungswerk XX bis dato als Proberaum genutzt hatte, griff Lorenz zu und sicherte sich die Festungsanlage für den AStA der Ingenieursschule. Mit vereinten Kräften bauten die Studenten und Musiker das Vorwerk um: Der Sauschdall war geboren.

Das erste Konzert bestritt damals einer, der heute noch zu den deutschen Größen gehört: Wolfgang Dauner. Und den hat Peter Gruber auch für das Jubiläumswochenende verpflichten können - zu einem Konzert, bei dem auch ein Freund Dauners mit von der Partie sein wird: der Autor Wolfgang Schorlau. Der gehört nicht nur zu den renommiertesten deutschen Krimi-Schriftstellern, sondern hat auch die Biografie Dauners geschrieben: "Das brennende Klavier."

Ohnehin: "Wir haben auch jede Menge Ehemalige angeschrieben und zum Jubiläum eingeladen", sagt Manfred Maier, ebenfalls ein Sauschdaller der ersten Stunde. Er, Gruber und Lorenz organisieren schon seit Monaten das Jubiläumswochenende, und unter der Federführung von Eberhard Lorenz wurde auch eine Chronik zusammengestellt, die 50 Jahre Jazzleben in Ulm erfahrbar macht - nicht nur im Sauschdall. Denn in der Festschrift, die für zehn Euro auch in Ulmer Buchhandlungen erhältlich sein wird, werden auch die Vorläufer des Jazzclubs beschrieben, die Bands, die sich in Ulm dem Jazz widmeten und nicht zuletzt auch die Probleme, mit denen der Sauschdall zu kämpfen hatte. Der Sauschdall stand immer wieder mal vor dem Aus - mal wegen der Lärmbelästigung der nahegelegenen Klinik, mal aus finanziellen Gründen.

Nur zwei Dinge sind im Sauschdall in all den Jahren konstant geblieben: Es gab immer Jazz - wenn auch nicht nur -, und der Jazzkeller wird seit 50 Jahren als Referat der Hochschule und von Ehrenamtlichen umgetrieben. Und das ist einmalig in der Republik.

Waren es in den 60er Jahren fast ausschließlich Studenten der Ingenieursschule, ist der Anteil der Studierenden im Sauschdall-Team in den vergangenen Jahren immer mehr zurückgegangen. "Das Sauschdall-Team besteht zwar zum Großteil aus Leuten, die ein Studium haben, die Studenten sind aber in der Minderzahl", sagt denn auch Uwe Duckgeischel, der sich ums Programm kümmert. Und der Programmmacher sieht dafür ganz handfeste Gründe: "Seit der Einführung der Bachelor-Studiengänge können es sich viele gar nicht mehr leisten, außerhalb ihres Studiums eine Aufgabe zu übernehmen."

Drei Tage Jazz zum 50. Geburtstag