Gestaltung Das Geschlecht der Dinge: Gender Design in der HfG

Olivia Daigneault Deschênes mit Modellen ihrer etwas anderen Hocker.
Olivia Daigneault Deschênes mit Modellen ihrer etwas anderen Hocker. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Lena Grundhuber 05.12.2018

In ihrem Studiengang gelte sie als „Feministin vom Dienst“, erzählt Olivia Daigneault Deschênes amüsiert. Die 25-Jährige aus dem kanadischen Montreal hat Architektur studiert. Ein männlich dominiertes Feld, das auch die Lebenswelt von Frauen extrem prägt. „Die ganze Kultur ist eine Konstruktion von Männlichkeit“, sagt die Forscherin: „Eine Welt, die gleichberechtigt funktioniert, würde anders aussehen.“

In so einer Welt käme wohl niemand auf die Idee, kleine Mädchen mit rosa Gegenständen auszustaffieren und Jungs ungefragt blaue aufzudrücken. Und Olivia Daigneault Deschênes hätte vielleicht ein ganz anderes Spezialthema als „Gender Design“, also die Forschung darüber, wie auch das Design die soziale Konstruktion von Geschlechtern formt und wie eine gender-sensible Gestaltung aussehen könnte. Als erste Designerin „in Residence“ am HfG-Archiv hat Olivia Daigneault Deschênes diesen Herbst die funktionalistische HfG-Gestaltung daraufhin untersucht. Das Ergebnis wird in die Ausstellung „Nicht mein Ding – Gender im Design“ einfließen, die am 14. Februar eröffnet und das Abschlussprojekt der Volontärinnen Katharina Kurz und Pia Jerger ist.

„Die aktuell laufende MeToo-Debatte oder der immer noch bestehende Gender Pay Gap zeigen ja, dass diese Diskussion wichtig ist“, sagt Kurz. Auch was die historische Forschung angeht, gibt es noch einiges zu tun. Die Geschichte der HfG-Frauen zum Beispiel ist nicht einmal im Ansatz erforscht. Zwar hatten Studentinnen anders als im Bauhaus keinerlei Zugangsbeschränkungen. Weibliche Dozentinnen gab es laut HfG-Archivleiter Martin Mäntele allerdings nur in den theoretischen Fächern. So fortschrittlich die Schule war, wenn es um Geschlechter ging, unterlag sie zeitgenössischen Mustern.

Ein anschauliches Beispiel dafür kann Katharina Kurz anhand der Planung für ein Badezimmer geben. In einer Tabelle ist aufgezeichnet, welches Familienmitglied wann, wie oft und zu welchem Zweck gewöhnlich ein Bad benutzt – bei „Wäsche waschen“ ist nur die Frau vorgesehen.

Olivia Daigneault Deschênes hat sich aber vor allem einen anderen Raum vorgenommen: die HfG-Mensa. Auf Fotos hat sie studiert, wie die jeweils weibliche und männliche „Performance“ beim Essen sich gestaltete, wie Individuen in ihrem Verhalten Geschlechterstereotype reproduzieren. Die junge Designerin reagiert darauf mit schöner Ironie und entwirft etwa „weibliches“ und „männliches“ Besteck, mit dem man entweder nur geziert winzige Bissen zu sich nehmen – oder raumgreifend in sich hineinschaufeln kann.

Auch der Ulmer Hocker bleibt nicht verschont. Olivia Daigneault Deschênes’ Beobachtung von HfG-Fotos ergab den wenig überraschenden Befund, dass die meisten Frauen mit geschlossenen Beinen darauf saßen. Selbst ein so neutraler Gegenstand ist Schauplatz der Konstruktion von Geschlechtern. Doch: Wer sich auf die umgebauten Hocker von Daigneault Deschênes setzt, muss seine Haltung vielleicht überdenken.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel