Tanz Das Forró-Fieber geht in Ulm um

Ulm / dpa 31.08.2015
Einprägsam und ziemlich flott: Der brasilianische Tanz Forró breitet sich unter immer mehr jungen Menschen aus. Getanzt wird auf WG-Partys, Marktplätzen und in Hinterhöfen. Zwischen Mann und Frau bleibt wenig Platz für Berührungsängste.
Salsa? Walzer? Breakdance? Mit den meisten Tänzen kann Theresa Schumacher wenig anfangen. Zu starre Regeln, zu viele Konventionen - oder einfach zu viel Show. Theresa Schumacher tanzt Forró. "Meditation für Zwei", nennt die 26-Jährige das. "Es wird nichts nach außen dargestellt. Es geht nur um zwei Menschen und die Musik. Wenn du es richtig tanzt, vergisst du alles um dich rum."

Das Forró-Fieber geht um! Besonders junge Menschen finden Gefallen an dem engen Paartanz aus dem Norden Brasiliens. Forró-Fans tanzen mittlerweile in München und Köln, in Aachen und Berlin. Stuttgart gilt vielen als Zentrum der europäischen Szene. Dort hat Theresa Schumacher ihre ersten Schritte gelernt.

Nun gibt die Sportlehrerin aus Biberach selbst einen kleinen Kurs in einem Hinterhof im Osten von Ulm, bringt Interessierten Bewegungen und Drehungen bei. Die sind denkbar simpel. Linker Fuß vor, rechter Fuß zurück - so einfach geht der Grundschritt. Zwar können auch komplexe Figuren getanzt werden, aber für den Einstieg braucht es wenig. Das macht für viele den Reiz von Forró aus.

Es ist wieder Dienstag, 19.07 Uhr. Die Sonne geht gerade unter in dem Backstein-Hinterhof in Ulm, ein Laptop spielt brasilianische Volksmusik. Theresa Schumacher tritt auf der Stelle. Fast unmerklich lässt sie die Hüften mitkreisen. Links vor, rechts zurück. 14 Augenpaare sind auf ihre Füße gerichtet. "Achtung! Zweiter Grundschritt!", ruft sie dann. Und alle schwingen zur Seite.

Forró kennt nur wenige Regeln. Eine davon lautet, dass nach jedem Lied durchgewechselt wird. Zwischen Mann und Frau bleibt bei dem engen Tanz wenig Platz für Berührungsängste. Eine weitere Regel: Der Mann führt, die Frau folgt. Die Dame weiß vorher nie so recht, was der Herr vorhat. Ansonsten gilt das Motto Freiheit.

Der Brasilianer Terra Pasqualini gilt als Gründer der Stuttgarter Szene. Der 32-Jährige verbreitete den Tanz aus seiner Heimat vor fast zehn Jahren über Partys, Schnupperkurse und Workshops. "Man muss nicht anfangen, sich zu verstellen mit ungewöhnlichen Hüftbewegungen. Man lernt den Grundschritt und kann dann mittanzen", sagt er. Einmal im Jahr veranstaltet er das Forró-Festival in der Landeshauptstadt. 500 Tänzer kommen dann aus ganz Europa, aus Russland - und natürlich Brasilien.

Getanzt wird auch bei Flashmobs, auf WG-Partys und Marktplätzen. Die Forró-Szene ist nach Angaben des Deutschen Tanzsportverbands klein, aber wachsend. "Im Sommer liegen brasilianische Tänze immer wieder im Trend», heißt es dort. Forró definiert der Verband als «sehr schnellen Paartanz mit Elementen aus Lambada, Discofox, Tango Argentino und anderen Tanzstilen".

Der Tanz breitet sich ein wenig nach dem Prinzip Chaos aus. "Manche Tänze leben davon, dass sie nicht so wettbewerbsmäßig geführt werden", sagt Daniel Reichling, Sprecher des Tanzsportverbands. "Keine Regeln, keine Richter: Das ist nicht so durchstrukturiert wie bei anderen Tanzformen - das macht manchmal auch den Reiz aus."

Theresa Schumacher kennt zum Beispiel die portugiesischen Begriffe für die Figuren nicht, sie lehrt mit Händen und Füßen. Sie verlangt auch kein Geld für ihre Tanzstunde, legt nur einen Spendenbeutel aus, um die Bahnfahrt zurück nach Hause zu finanzieren.

Ihre Hinterhof-Gruppe wächst mit fast jeder Woche. Es ist kein Kurs, sondern eine Gemeinschaft. Der eine bastelt eine Forró-Homepage, der andere verteilt Flyer. Theresa Schumacher will, dass der Tanz noch mehr Anhänger findet - auch wenn er dann eines Tages wohl in ganz institutionalisierter, deutscher Manier daher kommen muss. "Wenn wir arg viel größer werden, müssen wir einen Verein machen", sagt sie.
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