Eigentlich hatten sich die Ausstellungsmacher der Walther Collection vorgenommen, mal mit dem Thema Afrika zu pausieren. Eigentlich. Denn als Sammler und Mäzen Artur Walther 2015 in Burlafingen war „und die Bilder der Flüchtlinge, der Ebola-Epidemie und der Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA sah, die damals die Medien beherrschten, fand er es schade, dass vor allem diese Bilder unsere Vorstellung von Afrika prägten“, erklärt Daniela Baumann. Sie hat mit Joshua Chuang und Oluremi C. Onabanjo die Schau „Recent Histories“ kuratiert, die jetzt in der Burlafinger Walther Collection aktuelle Fotografie aus Afrika zeigt.

Die versammelt die Arbeiten von 14 Fotografen und Videokünstlern. Diese zu finden und für ein Projekt zu engagieren, war nicht so einfach, denn für aktuelle afrikanische Fotografie gibt es keine zentralen Anlaufpunkte. Dazu zählen am ehesten noch die Galerien Artur Walthers, erklärt denn auch Joshua Chuang. Die New Yorker Dependance präsentierte in den vergangenen 18 Monaten einige der Künstler, die jetzt in Burlafingen zu sehen sind. Diese Schau zeigt aber weit mehr, als in den diversen Ausstellungen in New York zu sehen war, und nutzt die verschiedenen Gebäude des Ausstellungskomplexes, um die Arbeiten zu gliedern.

Im Keller des weißen Kubus dreht sich alles um Orte, um Strukturen menschlichen Lebens, einerseits aus einer spirituellen Sicht wie in Em‘kal Eyongakpas mystisch anmutender Serie „Ketoya speaks“, in deren Langzeitbelichtungen der Fotograf selbst als verwaschener Schatten wie ein Geist auftaucht, über Edson Chagas Straßenbilder, die Fundstücke der menschlichen Zivilisation in neue Zusammenhänge stellen, Masken zu Passbildern werden lassen. Und wenn er sich selbst per Selbstauslöser mit über den Kopf gestülpten Einkaufstüten porträtiert, dann ist das ebenso witzig wie beklemmend, ist das ebenso Konsumkritik wie eine Anspielung auf Menschen, die auf ihre Hinrichtung zu warten scheinen.

Ganz auf die gesellschaftlichen Probleme verweisen Michael Tsegaye, der in seiner Schwarz-Weiß-Serie „Future Memories“ die Gentrifzierung Addis Abebas dokumentiert, wie der Südafrikaner Simon Gush, der nicht nur mit seiner Serie „The Island“ hinterfragt, was alles nötig ist, um etwa die südafrikanischen Minen ausbeuten zu können. Gush hat auch Videos mit nach Burlafingen gebracht, die das Leben der schwarzen Arbeiter in Südafrika zeigen, und das Wertesystem hinterfragen, das noch immer mit dem Kolonialismus und der Apartheid korrespondiert.

Sanguinischer geht es im schwarzen Haus zu, wo etwa Andrew Esiebos Bilder aus dem Party-Treiben von Lagos zu sehen sind. Unglaublich farbenfrohe Fotografien, die eine Mittel- und Oberschicht zeigen, die gerne zeigt, was sie sich leisten kann. Konterkariert werden sie von Esiebos Stadtansichten, die Lagos im Umbruch zeigen, eine Tristesse, der man sich gerne durch nächtliche Partys entzieht.

Ein echter Hingucker sind auch die Videos Zina Saro-Wiwas, die schlicht Menschen beim Essen abbilden: frontal gefilmt, als säße der Betrachter mit ihnen am Tisch. Ein Gefühl, das noch dadurch gesteigert wird, dass die Künstlerin vor ihre auf dem Boden stehenden Videoschirme Sitzkissen platziert hat.

Dem Zusammenleben widmen sich die Arbeiten im grünen Haus, die zum großen Teil von ehemaligen Studenten des Market Photo Workshop aus Johannesburg stammen. Diese Schule war die erste in Südafrika, die auch Schwarze ausbildete. Die berührendsten Arbeiten finden sich ganz oben unterm Dach. Legohang Kkgaye hat dort das Leben ihrer verstorbenen Mutter anhand von Schnappschüssen nachgestellt. Dazu benutzte sie einerseits alte Fotos ihrer Mutter, in die sich die Tochter hineinbelichtet, zum anderen hat sie aber auch alte Fotos nachgestellt und sich an gleicher Stelle in ähnlicher Garderobe fotografieren lassen. Eine wunderbare Erinnerungsarbeit, eine ebenso wunderbare Ausstellung.

Führungen und Öffnungszeiten


Ausstellung Recent Histories. Zeitgenössische afrikanische Fotografie und Videokunst mit Arbeiten von Edson Chagas, Mimi Cherono Ng’ok, Andrew Esiebo, Em’kal Eyongakpa, François-Xavier Gbré, Simon Gush, Délio Jasse, Lebohang Kganye, Sabelo Mlangeni, Mame-Diarra Niang, Dawit L. Petros, Zina Saro-Wiwa, Thabiso Sekgala und Michael Tsegaye ist bis 19. November in der Walther Collection in Burlafingen  (Reichenauerstrasse 21) zu sehen.

Öffnungszeiten Donnerstag bis Sonntag, 14 – 17 Uhr. Jeden Freitag, 17 Uhr, sowie jeden ersten Sonntag im Monat, 15 Uhr, werden öffentliche Führungen angeboten. Privatführungen und Führungen für Schulklassen und Studierende nach Vereinbarung.

Kontakt info@walthercollection.com