Ulm / BARBARA HINZPETER  Uhr
Ein internationales Projekt, an dem der Arbeitskreis Frauengeschichte am Zawiw beteiligt war, beschäftigte sich mit Frauenbiografien aus sechs Ländern. Das Ergebnis liegt jetzt vor. Als Buch.

Das Buch macht Mut. Porträtiert werden betagte Frauen aus sechs europäischen Ländern. Deren Gemeinsamkeit: Sie begreifen das Alter als Herausforderung und als Chance. Die meisten Autorinnen, die ebenfalls aus den sechs Ländern kommen, sind selbst im Rentenalter. Sie wollten nicht immer nur Horrorgeschichten übers Alter hören und erzählen, betonen Agathe Wende und Monika van Koolwijk vom Arbeitskreis Frauengeschichte des Zentrums für allgemeine wissenschaftliche Weiterbildung (Zawiw) an der Universität Ulm. Denn der dritte Lebensabschnitt ist nicht zwangsläufig mit Krankheit und Pflegebedürftigkeit gleichzusetzen. "Wir haben uns gefragt, wie es gelingen kann, zufrieden alt zu werden", sagt Agathe Wende.

Besonders attraktiv am Projekt fand der Ulmer Arbeitskreis, der das Buch Feder führend herausgegeben hat, den internationalen Aspekt: Im Rahmen der Lernpartnerschaft "Europäische Frauen im höheren Alter (Ewa)" beteiligten sich außer den Ulmerinnen Gruppen aus Italien, Österreich, Litauen, Bulgarien und Tschechien. Zwischen 2010 und 2012 befragten sie in ihren jeweiligen Ländern Frauen, die älter sind als 70 Jahre und ihrer Meinung nach anderen als Vorbild dienen können. Dazu erarbeiteten sie bei ihren Treffen in Sofia, Ceske Budejovice und Ferrara Kriterien für ein "gelingendes Alter" und standardisierte Interviews, besprachen die Methoden und Zielsetzungen.

Dabei war die Verständigung nicht gerade einfach, da eine gemeinsame Basis-Sprache fehlte: Die Frauen aus Osteuropa hatten in der Schule nicht Englisch, sondern Russisch gelernt. "Trotzdem hat es immer irgendwie geklappt", so Monika van Koolwijk.

Teilweise hatten die Arbeitskreise wie der Ulmer schon Erfahrung mit forschendem Lernen. Anderswo bildeten sich die Teams neu. Die Bulgarinnen kamen vor allem aus dem Umfeld des Roten Kreuzes, die Italienerinnen aus Ferrara aus einem Zentrum der Frauenbewegung. Entsprechend unterschiedlich gestaltete sich die Auswahl der Interviewpartnerinnen: Während beispielsweise die Tschechinnen vor allem prominente Künstlerinnen vorstellen, befragten die Bulgarinnen karitativ tätige Ehrenamtliche. Die Zawiw-Forscherinnen suchten in ihren eigenen Bekanntenkreisen nach Vorbildern - und fanden sie zahlreich. Dem Ulmer Arbeitskreis ging es auch darum zu zeigen, wie ältere Menschen trotz Einschränkungen ihre Lebensqualität bewahren.

Im Buch ist zum Beispiel das Gespräch mit der 94 Jahre alten, in einem Memminger Pflegeheim lebenden Erika Buchholtz aufgezeichnet. Obwohl sie immer schlechter sieht und gehbehindert ist, pflegt sie Kontakte, nimmt am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teil und ist viel unterwegs mit ihrem Elektromobil. "Ich habe das große Glück und die Gabe, immer interessante Menschen zu treffen", wird die ehemalige Uni-Sekretärin zitiert. Nachzulesen ist auch die Biografie von Erna Subklew, die im Ruhestand noch einmal studierte und promovierte. Weitere Biografien wie die von Suse Wellhäuser, Lieselotte Schiffer und vielen weiteren Ulmerinnen, sind im Internet dokumentiert.

Die porträtierten Frauen haben Krieg, sehr häufig Vertreibung und Flucht, Verlust des Partners und andere Krisen erlebt. Trotz aller Schicksalsschläge strahlen sie Optimismus aus, wie Zawiw-Leiterin Carmen Stadelhofer sagt. Ihr oblag die Gesamtkoordination des Projekts. Zufriedenheit im Alter, so das Fazit der Forscherinnen aus allen sechs Ländern, ist verbunden mit Aktivität.

Im Buch und im Internet werden in der jeweiligen Landessprache und auf Englisch vor allem Frauen vorgestellt, die im Alter einen neuen Aufbruch gewagt haben. Wie Antonella Deriu, deren einzige Tochter vor acht Jahren starb. Der plötzliche Tod der jungen Ärztin stürzte die Mutter in eine tiefe Depression. Herausgeholfen hat ihr der Entschluss, die von ihrer Tochter initiierten Hilfsprojekte weiter voranzutreiben. Mittlerweile verbringt die Sardin viel Zeit in Afrika und auf den Philippinen. Andere porträtierte Frauen schreiben Bücher, engagieren sich in der Hospizbewegung oder im privaten Umfeld. "Aktiv zu altern" ist ein Prozess, "der viele individuelle Formen hat", lautet ein Resümee. Den Austausch darüber, auch über Ländergrenzen hinweg, haben alle am Projekt Beteiligten als bereichernd empfunden. Die Erfahrung geben sie weiter im Buch "Mastering older age!".

Info Das Buch "Mastering older age!" ist beim Zentrum für allgemeine wissenschaftliche Weiterbildung (Zawiw) erhältlich: Universität Ulm, Albert-Einstein-Allee 47,

89081 Ulm, Tel. (0731) 502 31 93; ausführlich auch auf der Internetseite www.european-women.eu.