Prothetik Dank Sportprothese wieder gut zu Fuß

Ulm / Christoph Mayer 02.10.2018
Seit einem Unfall ist Tanja Woodroffe vorderfußamputiert. Dank der Hochschule Ulm kann sie wieder schmerzfrei Sport treiben.

Laufen – das fiel Tanja Woodroffe (39) all die Jahre schwer, war oft nur unter Schmerzen möglich. 1992 war ein über eine rote Ampel bretternder Lastwagen dem damals 12-jährigen Mädchen über den Vorfuß gefahren, der amputiert werden musste. Die ersten Prothesen, eigentlich nur Silikon-Schuheinlagen, die sie sich Jahre später anfertigen ließ, waren  „ziemlicher Schrott“, erinnert sich die im Raum Nürnberg lebende Frau, die damit den Kern des Problems beschreibt: Die Zahl vorfußamputierter Patienten ist so gering, dass die Industrie  kein Interesse daran hat, individuelle Lösungsansätze jenseits von orthopädischen Schuhen und Silikonprothesen zu entwickeln.  Eine vernünftige Lösung sei nur möglich, wenn sie sich den ganzen Fuß amputieren lasse, rieten Ärzte der jungen Frau sogar. Was die entsetzt ablehnte.

Im Internet gegoogelt

Abfinden wollte sich Woodroffe mit ihrem Schicksal aber nicht. „Ich dachte mir: Die Medizin vollbringt solche Spitzenleistungen, da muss es doch auch was für mich geben“, erinnert sich die junge Frau, die vor etwa drei Jahren beim „Googeln“ im Internet zufällig auf das Projekt „Vorfußprothese“ der Forschungsgruppe Biomechatronik der Hochschule Ulm stieß. Es war, wenn man so will, der Beginn einer wunderbaren Begegnung – mit Happy End. Beim Ulmer Einstein-Marathon vor zehn Tagen meisterte sie sogar die Zehn-Kilometer-Walking-Strecke. „Nur auf den letzten drei Kilometern hatte ich etwas Schmerzen. Aber das war kein Vergleich zu früher“, freut sich Woodroffe. „Zum ersten mal seit vielen Jahren hat mir Laufen wieder Spaß gemacht.“ Vorausgegangen waren mehrere Termine im Labor für Bewegungsanalyse der Hochschule.

Acht Hochgeschwindigkeitskameras filmten Woodroffe beim Laufen auf einer speziellen Messplatte, um ihren Gang zu analysieren und die wirkenden Kräfte zu ermitteln. An bestimmten Gelenkpunkten trug die Patientin Marker, auf die sich die Kameras fokussierten. Heraus kam ein individueller Datensatz, den Doktorand Muneer Gaashan in einem numerischen Simulationsmodell verarbeitete.  „Im Grunde genommen geht es darum, den Gang wieder in ein physiologisches Gleichgewicht zu bringen“, ergänzt Projektleiter Prof.  Felix Capanni, der auch einer der Leiter des Biomechatroniklabors auf dem Oberen Eselsberg ist.

Orthopädietechniker und internationale Firmen bekunden Interesse

Angewandte Forschung – das ist es, wofür Hochschulen im Gegensatz zu den auf Grundlagenforschung spezialisierten Universitäten stehen. Und so überrascht nicht, dass an diesem Punkt das Ulmer Sanitätshaus Häussler ins Spiel kommt, mit dem die Hochschule auf dem Feld der Prothetik seit vier Jahren kooperiert. Dessen Spezialisten stellten anhand des Datensatzes eine speziell auf die Patientin angepasste Prothese aus Carbonfasern her.

In naher Zukunft soll dieses Prozedere weitgehend standardisiert ablaufen, sagt Steffen Matyssek, sozusagen die leibhaftige Schnittstelle des Projektes: zum einen ist er Orthopädietechniker bei Häussler, zum anderen steht er als Medizintechnikingenieur in Diensten der Hochschule. Ziel sei es, mithilfe weiterer Patienten ausreichend Daten zu gewinnen und dann das entwickelte Planungstool zu finalisieren, so dass man irgendwann ohne die Expertise der Hochschule auskomme.  „Der Orthopädietechniker gibt dann nur noch die wesentlichen Patientendaten wie Gewicht, Amputationshöhe und Mobilitätsgrad in eine Maske ein, anhand derer der Bauplan für die Prothese erstellt wird.“

Auf dem Welt-Orthopädie-Kongress in Leipzig haben die Ulmer das ihren Angaben zufolge einzigartige Konzept kürzlich vorgestellt. Das Interesse sei groß gewesen. Nicht nur bei Orthopädietechnikern, sondern auch bei internationalen Großfirmen.

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Projekt vom Bund gefördert

Finanzierung Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) heißt ein Förderprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums, das kreative mittelständische Unternehmen bei der Umsetzung guter Ideen finanziell unterstützt – speziell dann, wenn sie mit Forschungseinrichtungen kooperieren. Für das Projekt „Vorderfußprothese“ gab es vom Ministerium 190.00 Euro für die Hochschule Ulm, die Firma Häussler bekam 50 Prozent der von ihr getragenen Investitionssumme von rund 150.000 Euro erstattet. „Sonst hätten wir dieses Projekt nicht stemmen können“, sagt Orthopädietechniker Steffen Matyssek.

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