Die Ausbreitung des Coronavirus stellt die Ulmer Gastronomie vor noch nie dagewesene Herausforderungen. Reservierungen werden reihenweise storniert, Gäste bleiben fern. Während Restaurants nur noch von 6 bis 18 Uhr geöffnet haben dürfen, müssen Clubs und Bars bis zum 19. April schließen – vorerst. Viele Gastronomen fürchten um ihre Existenz, sind verzweifelt. In einem offenen Brief, der bereits über Facebook zahlreich geteilt wurde, wendet sich der neu gegründete Verein „Ulmer Verband der Gastronomie“ an die Politik und fordert Hilfe für den gesamten Dienstleistungssektor.

Das ist der offene Brief der Ulmer Gastronomen im Wortlaut:

„Jedem ist bewusst, dass diese Krise nicht vergleichbar ist mit allem was wir bis jetzt erlebt haben. Jedem ist bewusst, dass wir, alle zusammen, etwas dagegen tun müssen. Und wir tun es.Wir folgen den Anweisungen der Regierung. Teilweise etwas zaghaft, aber das war die Regierung Anfangs auch.

Wir schließen unsere Geschäfte. Wir schicken unsere Mitarbeiter nach Hause. Wir passen selbst auf unsere Kinder auf. Wir machen Homeoffice. Wir tun alles war nötig ist, um zu helfen … Aber mit einer Trauer, Fassungslosigkeit und teilweisen Resignation die bis vor kurzem nicht vorstellbar war. Weil wir schlicht nicht wissen wie es weitergehen soll.

Wir hören von Kurzarbeitergeld, Finanzspritzen, Kredite, Steuerstundungen, uvm. Aber wann? Für wen? Und überlebt mein Betrieb das bis dahin? Es scheint, als ob die Entscheider in der Finanzkrise stecken geblieben sind und mit gleichen Mitteln die Viruskrise lösen wollen.

Das ist keine Finanzkrise! Das hat nichts, rein gar nichts mit Banken und Börsen zu tun. Es geht um Menschenleben. Um das Leben vieler Bürger. Das Leben unserer Mütter, Väter, Omas und Opas. Das Werden wir auf keinen Fall riskieren, deshalb machen wir beim Shutdown mit. Aber das ist keine Finanzkrise!Diesmal geht es nicht einfach darum Liquidität bereit zu stellen, weil faule Kredite nicht zurückbezahlt werden… Aber das wird noch kommen, wenn wir so weiter machen.

Geschäfte, die noch bis vor zwei Wochen erfolgreich am Markt waren, sind geschlossen. Unverschuldet! Gastronomen, Friseure, Freiberufler, Messebauer, Securitys, Hoteliers, Musiker, Schauspieler, Künstler, Einzelhändler, und, und, und. Wir schließen, weil die Regierung das sagt, nicht weil wir nicht erfolgreich am Markt waren.Wir haben nichts falsch gemacht. Wir haben gearbeitet, haben Mitarbeiter beschäftigt, haben uns tagtäglich den Arsch aufgerissen. Und jetzt das? Kurzarbeitergeld, Kredite, Steuerstundungen? Das ist eure Lösung? Diese Lösung ist perfekt für die Industrie. Da haben wir Erfahrung. Da funktioniert es. Macht es bitte dort.

Doch die Industrie macht 24 % der Beschäftigten in Deutschland aus. Was ist mit uns? Den 75 Prozent im Dienstleistungssektor. Richtig gelesen. Fast 75 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland sind im Dienstleistungssektor. Und fast alle plagen aktuell Existenzsorgen. Alle von der Regierung bis jetzt beschlossene Maßnahmen helfen nicht uns zu retten geschweige dem die Angst zu überwinden, die Frustration, die vielleicht das noch größere Übel ist.

Kurzarbeitergeld: Bei einem Nettoverdienst von 1400,- Netto sind es 840,- € und viele Selbständige und Künstler haben noch weniger im Monat zur Verfügung. Und was ist mit den vielen Einzelunternehmern? Oder mit den kleinen Betrieben z.B. in der Gastronomie? Die Personalkosten machen normalerweise 30 - 35 % der Kosten aus. Was ist mit den übrigen 65-70 %? Wie soll das gestemmt werden. Ohne Hilfe in diesem Bereich wird das Kurzarbeitergeld zu Arbeitslosengeld 1. Garantiert.

Kredite: Bei aller Liebe. Wie sollen die denn zurückbezahlt werden? Warum machen wir uns da was vor? Auch das funktioniert nur bei größeren Betrieben. Die kleineren verdienen gerade so viel, dass sie sich ihr Leben leisten können. Die mittleren könnten dadurch zwar gerettet werden, aber um die Staatshilfen zurück zu zahlen werden wieder Menschen entlassen werden, den Wo soll man denn sonst einsparen? Das heißt in den nächsten Monaten: Arbeitslosengeld 1 & 2

Steuerstundungen: Steuern sind in den nächsten 3 Monaten nicht unser Problem. Wir werden die nächste Zeit eh keine zahlen müssen. Wir haben keine Einnahmen. Wir haben zu, schon vergessen?“

Das sind die Forderungen des Ulmer Verbands der Gastronomie

„Natürlich sind alle Maßnahmen hilfreich. Wir möchten nichts davon schlecht reden, und bestimmt wird es einigen helfen. Aber das ist nichts neues und ganz sicher nicht der große Wurf, über den jeder Politiker gerne spricht. Wir brauchen aber den großen Wurf. Wir brauchen temporäre Soforthilfe und nicht viele kleine Maßnahmen, die die Lobbys untereinander ausmachen. Wir brauchen Zeit, und die können wir uns leisten. Wir haben das Geld dafür…

Wir brauchen eine schnelle, unbürokratische Lösung, die sofort wirkt. Lasst uns tatsächlich jetzt für 6-8 Wochen alles zumachen. Auf Staatliche Anordnung. Dafür brauchen wir einen Fonds, der schnell und effizient allen sofort hilft. Schlussendlich eine „staatliche Betriebsschließungsversicherung“ die genau wie eine private Versicherung funktioniert. Das heißt: Jahresumsatz abzüglich Wareneinsatz = Kosten- und Gewinnbetrag (Betriebsschließungssumme). Das Ergebnis durch 365 Tage und dann mal 14 bei zwei Wochen Schließungsdauer oder 21 bei drei Wochen, usw. Das würde einfach und sofort funktionieren.

Jeder Betrieb/Selbständiger bekommt einen Vordruck (Download) mit diesen Passagen und legt dazu seinen Jahresabschluss 2019 mit rein. Das Geld wird an den Arbeitgeber/Selbständigen überwiesen und es gibt sonst gar keine Bürokratie. Die Arbeitnehmer bekommen normal Ihren Lohn. Der Zulieferer sein Geld. Der Vermieter normal seine Miete. Nichts ändert sich. Der Staat muss sich um nichts anderes kümmern als diese eine Überweisung.

Wir brauchen kein frisches Geld für die Banken, wenn jeder seinen Kredit bezahlen kann. Wir brauchen kein Kurzarbeitergeld, wenn jeder seine Mitarbeiter bezahlen kann.

Es platzt keine Immobilienblase, wenn jeder seine Miete zahlen kann.

Ja, das kostet vielleicht 100 Milliarden, vielleicht 200 Milliarden, oder 500 Milliarden, aber das sind keine Kredite auf Kosten der nächsten Generation. Es sind Hilfen für die Menschen, die die nächste Generation großzieht

Das Ganze hätte noch einen sehr schönen Nebeneffekt. Wer bis jetzt sauber gearbeitet und nichts „schwarz“ gemacht hat, hat einen hohen Umsatz und einen geringen Wareneinsatz. Damit bekommt er die Hilfe, die er verdient. Wer schön, am Finanzamt vorbei, seine Kohle „schwarz“ gemacht hat, der bekommt auch nichts oder sehr wenig im Vergleich zu seinem tatsächlichen Umsatz. Solidarität würde sich endlich auszahlen. Schnelle Hilfe wäre so einfach.

Das wäre der erste Schritt, dass jeder, wirklich jeder beruhigt nach Hause geht und damit hilft das sich das Virus nicht ausbreitet.

Wir hätten einfach 3 Monate gewonnen um uns um alles andere zu kümmern. Um zu besprechen wie dieses Land, sogar diese Welt nach dieser Krise aussieht. Dann können wir über Steuern, Kurzarbeit und Krediten sprechen ohne dass uns die Panik treibt. Fachlich, ruhig und kompetent. So wie es sein sollte.

Ulm/Neu-Ulm

Überdenkt bitte die Schuldenbremse. Und vergisst dabei nicht: Das ist unser Geld. Wenn wir, sollten wir die Mehrheit darstellen, uns temporär Verschulden möchten, dann tut es.Wir werden im Schnitt noch 20-30 Jahre arbeiten. Nehmt bitte eine 30-jährige Bundesanleihe auf. Die im Übrigen im Minuszinsbereich ist. Wir zahlen sie selbst ab.

Aber lasst uns bitte nicht unverschuldet arbeitslos werden.Lasst uns nicht Konkurs gehen. Helft uns jetzt, damit wir in ein paar Monate unser Leben normal weiterführen können.

Und bitte keine Debatte über Inflation. Seit 10 Jahren hören wir, dass wir Inflation brauchen. Das ist eure Chance. Nutzt sie diesmal für die Bürger, nicht für die Banken.“