Auto, Fahrrad oder ÖPNV? Immer mehr Ulmer beantworten diese Frage mit „Fahrrad“. An den großen Kreuzungen, etwa am Ehinger Tor, stehen die Radler in Stoßzeiten Schlange an der Ampel, auf dem Donauradwanderweg mischen sich unter die Touristen immer mehr Pendler und zur Marktzeit sind die Fahrradständer um den Münsterplatz voll belegt.

Wegen Corona: Ulmer Radwerkstatt ist ausgebucht

Der Frühling ist ja sowieso die Zeit, in der die Räder aus dem Keller oder dem Schuppen geholt und wieder verkehrstauglich gemacht werden. Doch in diesem Jahr sind offenbar noch mehr Menschen auf zwei Räder umgestiegen als sonst. Corona brachte den ÖPNV in Verruf, somit sattelte so mancher Ulmer von Straße und Schiene auf den Radweg um.
Wie groß die Nachfrage derzeit ist, macht sich auch bei den Händlern und in den Werkstätten bemerkbar. Andreas Heiss verkauft bei „Klapprad Ulm“ nicht nur Falträder, sondern repariert auch Räder aller Art. „Normalerweise habe ich im Frühling etwa 14 Tage Vorlauf. Zuletzt mussten Kunden aber bis zu vier Wochen auf einen Termin warten.“ Für den Mai ist Heiss ausgebucht, im Juni hat er wegen eines Umzugs geschlossen. Ab Juli ist er in der Walfischgasse zu finden.

Radhändler haben mit Lieferengpässen zu kämpfen

Zuletzt fand die Arbeit auch unter erschwerten Bedingungen statt. „Aktuell gibt es Lieferengpässe“, berichtet Heiss. „Die Beschaffung von Ersatzteilen ist gerade schwierig, da sind wir sehr vom Ausland abhängig. Einige Schwalbe-Reifen etwa werden in Indonesien produziert – als Lieferdatum wird da September angegeben.“ Erschwerend hinzu komme, dass viele Menschen ihre Räder nach Jahren zum ersten Mal wieder herausholen. „Das sind dann keine Reparaturen mehr, die notwendig sind, sondern ganze Restaurationen.“
In solchen Fällen lohne sich dann durchaus der Gedanke an eine Neuanschaffung. Heiss wünscht sich dafür auch Anreize aus der Politik. „Eine Förderung für neue Fahrräder halte ich für dringend nötig. Vorbild könnte dabei Italien sein, dort soll es demnächst rund 200 Euro für Neuanschaffungen geben.“

Stadt Ulm will Radverkehr weiter fördern

Mehr Räder auf der Straße, schön und gut – aber wie ist es eigentlich um die Radlerfreundlichkeit der Doppelstadt bestellt? Einige selbstgesteckte Ziele aus dem Fahrradentwicklungsplan 2016 habe man bereits erreicht, heißt es von der Stadt Ulm. Aber: „Die Arbeit geht weiter.“ Bis 2023 stehen unter anderem auf der Agenda: die Sanierung des Radwegs von Harthausen nach Ermingen, Radverkehrsanlagen im Weinbergweg, und die Öffnung von Busspuren für den Radverkehr.
Generell liege die Herausforderung darin, „Anlagen des motorisierten Individualverkehrs zu Gunsten des Radverkehrs zu verändern und dort auch gegebenenfalls Einschränkungen für die anderen Verkehrsarten in Kauf zu nehmen. Auch Verkehrsraum ist ein begrenztes Gut“, betont die Stadt.

Stadt Neu-Ulm: Rad soll als Alltagsverkehrsmittel in den Fokus rücken

Auch Neu-Ulm betont, das Zusammenspiel in Sachen Mobilität müsse passen. Man wolle das Rad als Alltagsverkehrsmittel mehr in den Fokus rücken und komfortable und sichere Fahrradrouten schaffen. Generell wolle man beim Straßenbau, auch bei Sanierungen, immer auch den Radverkehr im Auge behalten und sich die Frage stellen: „Wie kann der Radverkehr an dieser Stelle verbessert und sicherer gestaltet werden?“ Auch Gefahrenstellen wie:
  • der Allgäuer Ring
  • und die Memminger Straße,
mit zugelassenem Zweirichtungsradverkehr und vielen Ein- und Ausfahrten seien bekannt.
Immer wieder gebe es zudem Beschwerden über den Donauuferweg und das Jahnufer zwischen Donaucenter und Edwin-Scharff-Haus. Hier sind Geh- und Radweg teilweise kombiniert, Fußgänger und Radler kommen sich des Öfteren ins Gehege.
Sowohl in Ulm als auch in Neu-Ulm ist man sich der Problemstellen bewusst, im Zuge des „Aktionsbündnis FahrRad“ besteht auch ein Bürgerdialog. „Wir freuen uns über interessierte, konstruktive Mitarbeit und gute Ideen“, heißt es aus dem Ulmer Rathaus.

Baubürgermeister von Winning: „Die Freude am Radfahren ist geblieben.“

Nicht zuletzt sind die Anliegen der Radfahrer auch die Anliegen der Politiker. Baubürgermeister Tim von Winning ist selbst leidenschaftlicher Fahrradfahrer: „Als Kind und später Jugendlicher bedeutete das Fahrrad für mich Unabhängigkeit, Freiheit und Mobilität – wobei ich damals mit Sicherheit andere Worte dafür gewählt hätte. Die Freude am Radfahren ist geblieben, aber heute würde ich meinen oft eng getakteten Terminkalender einfach gar nicht schaffen, wenn ich nicht mit dem Fahrrad unterwegs sein könnte. Anders gesagt, ich kann es mir zeitlich gar nicht leisten, mit dem Auto zu fahren.“