Herr Lansing, Sie haben die Bundeskanzlerin in einem Brief gebeten, an Sonn- und Feiertagen Gottesdienste in der Gemeinde feiern zu dürfen. Wieso?

Die Messe bei uns in der Christengemeinschaft lebt davon, dass wir durch ihren Vollzug Christus einladen, dass er unter den Menschen anwesend ist und seine Kraft in die Gemeinschaft hineinfließen lässt. Am Sonntag habe ich eine stille Messe gehalten unter Ausschluss der Gemeinde, das war sehr erschütternd. Die Realität der Messe konnte sich nicht in dem dafür bestimmten Rahmen entfalten. Mit Blick auf das bevorstehende Osterfest ist das für mich ein tiefer Schmerz.

In vielen Gemeinden sind vor allem ältere Menschen aktiv, die durch das Virus besonders gefährdet sind und deshalb zuhause bleiben sollten.

Wir haben bei uns natürlich auch die Bandbreite von jung bis alt. Es geht aber auch nicht darum, die Risikogruppen in den Gottesdienst zu holen. Sondern es geht ausdrücklich um einen Rahmen, der vertretbar ist. Der Kirchenraum ist groß genug, es ist gut möglich, mit einem Sicherheitsabstand zu feiern.

„Das ist ein tiefer Einschnitt“

Wer trotz Corona-Ausbreitung in die Kirche geht, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch andere. Wo bleibt da die Nächstenliebe?

Da scheiden sich natürlich die Geister. Wir gehen auch in den Supermarkt und versuchen, die Gefahr möglichst gering zu halten. Der Einkauf im Supermarkt gibt uns eine Lebensgrundlage. Das Feiern der Messe ebenso, auf einer anderen Ebene. Und ein Zusammenkommen im Kirchenraum kann viel geordneter geschehen als beim Einkaufen. Wenn wir die Messe nicht feiern können, laden wir Christus aus. Das ist ein tiefer Einschnitt, wir sagen dann: Das Virus ist stärker, Christus bleib draußen, wir müssen ohne dich fertig werden.

Überall, wo Menschen sich treffen, gibt es eine Ansteckungsgefahr. Die Gemeinden haben doch eine Verantwortung für das Allgemeinwohl.

Ich stehe natürlich anders als der Normalbürger in diesen heiligen Handlungen. Wenn man damit lebt, kann man erfahren: Da passiert was. Das ist nicht nur ein schönes Treffen. Man schafft eine spirituelle Realität, die hat einen heilenden Charakter. Christus ist der Menschenheiler schlechthin, was die Seele der Menschen erstärkt.

Sie glauben, diese heilige Kraft ist stärker als das Virus?

Ich kann natürlich nicht die Ansteckungskette außer Kraft setzen. Aber ich meine: Die Kraft, die in der Messe entsteht, trägt dazu bei, dass man weniger anfällig für das Virus ist.

„Es ist eine Realität, dass Menschen eine gemeinsame Gebetskraft erzeugen können, wenn sie zusammenkommen“

Wenn es für religiöse Gemeinden eine Ausnahme gibt, wollen andere vielleicht auch eine, zum Beispiel Fußballer.

Das ist nicht vergleichbar, weil man im Mannschaftssport in eine äußere Dynamik kommt. Da ist es viel schwieriger, einen Sicherheitsabstand einzuhalten. In der Messe sitzt jeder an seinem Platz. Davor geht man geordnet rein, danach geht man geordnet raus. Dass eine äußere Kommunion dann nicht stattfindet, ist klar. Der Sicherheitsabstand wäre in einem vernünftigen Rahmen realisierbar.

Sie haben in Ihrer Gemeinde Gebetszeiten ausgemacht, an denen Sie am Altar stehen, während die Gemeindemitglieder von zuhause beten können. Ist das keine Lösung?

Aufgrund der Situation ist es das Sinnvollste, was wir tun können. Aber das hat eine völlig andere Kraft, als wenn man zusammen mit der Gemeinde die Messe vollzieht. Wenn ich als Priester am Altar stehe, ist die Messe eine andere, wenn die Gemeinde anwesend ist. Deshalb unterscheidet sich auch sonst die Messe am Werktag, wenn in der Regel wenige Menschen da sind, sehr deutlich von der Sonntagsmesse. Es ist eine Realität, dass Menschen eine gemeinsame Gebetskraft erzeugen können, wenn sie zusammenkommen.

Manche Gottesdienste werden live übertragen, wäre das für Sie eine Option?

Nein.

Was werden Sie tun, wenn das Kontaktverbot weiter für alle gilt?

Dann muss ich das akzeptieren. Da sitzen wir mit allen in einem Boot. Und doch habe ich die Hoffnung, das Auferstehungsfest mit der Gemeinde zu begehen. Dieses Fest ist die zentrale Grundlage des Christentums und damit auch für unsere christlich geprägte Gesellschaft.