Frau Müller, die Bewohner von Seniorenheimen sind weitgehend isoliert. Es wird viel darüber diskutiert, ob das richtig ist.

Ich habe darüber nachgedacht und muss sagen: Es ist gut, dass die Seniorenheime nicht so bald geöffnet werden. Wären sie offen, wäre die Gefahr einer Ansteckung viel größer. Und wenn dann Besucher kommen würden, könnte man sich trotzdem nicht in die Arme nehmen. Ich finde, man muss im Seniorenheim schon vorsichtig sein, weil die Leute nicht mehr so viele Abwehrkräfte haben.

Machen Sie sich Sorgen, dass das Virus auch in Ihr Seniorenheim kommt?

Ich mache mir keine Sorgen, obwohl die Situation beklemmend ist. Es kann in jedem Heim passieren, dass jemand angesteckt wird, aber man darf sich davon nicht verrückt machen lassen oder zu ängstlich sein.

Sie hatten seit Wochen keinen Besuch.

Nein, wir haben keinen Besuch, man kann nur am Eingang etwas für uns abgeben. Ich kann aber vom Balkon aus mit meinen Angehörigen reden, wenn sie vor dem Haus stehen. Es ist rührend, wie sich alle meine Kinder und Enkelkinder um mich kümmern.

Wie belastend ist die Isolation für Sie?

Für mich ist das nicht so belastend wie für andere. Es bedrückt mich schon ein bisschen, aber ich versuche immer, das aufzulockern. Mein Enkel hat mir vorletzte Woche ein Tablet zugesandt, damit kann ich alle meine Kinder mit Anhang sehen, das ist schon schön. Wenn ich einen schlechten Tag habe, denke ich an frühere Zeiten, zum Beispiel an Fahrradtouren, die wir um den Bodensee gemacht haben. Da sind immer lustige Sachen passiert und wenn ich daran denke, geht’s mir wieder gut.

„Manchmal bekomme ich auch Briefe, das ist für mich wunderschön“

Was hilft Ihnen noch dabei, so positiv zu bleiben?

Wenn ich mich am Telefon von meiner Tochter verabschiede, dann sage ich: Ich drücke dich ganz fest durch die Leitung durch. Und dann drücken wir uns, wir machen diese Bewegung (lacht). Man muss auch von sich aus den Kontakt zu anderen halten und nicht nur erwarten, dass sie einen anrufen. Manchmal bekomme ich auch Briefe, das ist für mich wunderschön.

Gehen Sie auch nach draußen?

Wenn das Wetter schön ist, fahre ich mit meinem elektrischen Rollstuhl in den Garten und treffe mit gebührendem Abstand jemanden, mit dem ich mich unterhalten kann. Es ist wichtig, dass man jetzt mehr auf die Natur schaut. Die Stare sind wieder da, das ist so eine Kleinigkeit, die man merkt, wenn man aus dem Fenster sieht.

Wie intensiv verfolgen Sie die Berichterstattung zum Coronavirus?

Ich schaue mir die Nachrichten nur morgens und abends an, das reicht. Es gibt so viele Berichte darüber, ich denke, es ist fast zu viel, das macht die Menschen auch traurig. Aber das Ganze hat auch positive Seiten. Zum Beispiel bemühen sich unsere Betreuer derart, wir machen Gymnastik im Rollstuhl, Gedächtnistraining, Spiele. Sie lassen sich immer wieder etwas Neues einfallen.