Claudia Steinhauer hat vor kurzem einen Zettel an die Tür der Wohnungslosen-Unterkunft in Ulm gehängt. Darauf stehe, die Unterkunft sei „das einzige Zuhause, das unsere Bewohner haben“, sagt die Leiterin der Abteilung Soziale Dienste beim Deutschen Roten Kreuz in Ulm. „Wir müssen sie besonders schützen.“ Besucher dürfen deshalb nicht mehr ins Haus.

Viele Menschen in Ulm und Neu-Ulm arbeiten wegen des Virus-Ausbruchs im Home Office, halten Abstand zu Freunden und Bekannten. Aber die Wohnungslosen sind auch in Zeiten von Corona auf die Hilfe anderer angewiesen. „Ich habe das Gefühl, dass die Bewohner gerade richtig, richtig dankbar sind“, sagt Steinhauer. Die Stimmung im Haus sei ruhig, die Besucher seien verständnisvoll. Bereits seit zwei Wochen gibt es im Übernachtungsheim einen Ständer mit Desinfektionsmittel. „Der wird auch viel genutzt“, beobachtet Steinhauer.

Bei einem Corona-Fall müsste das ganze Frauenhaus in Quarantäne

Viel Verständnis gibt es auch im Frauenhaus des Ulmer Vereins Frauen helfen Frauen. „Alle Frauen und Kinder sind informiert, was die erhöhte Hygiene anbelangt“, sagt Geschäftsführerin Anja Schlumpberger. Die Bewohnerinnen seien mit Desinfektionsmittel und Seife versorgt, die Stimmung vor Ort sei noch gut.

„Insgesamt steigt natürlich die Unsicherheit, so wie überall“, sagt Schlumpberger. Wenn eine Frau oder ein Kind am Virus erkrankt, „dann wäre das gesamte Frauenhaus unter Quarantäne“. Die Mitarbeiterinnen müssten in diesem Fall zuhause in Isolation.

Aggressionspotential auf engem Raum könnte steigen

„Wir müssen das gemeinsam durchstehen“, sagt Emmy Megler, Leiterin des Frauenhauses der Arbeiterwohlfahrt Neu-Ulm. Für die Bewohnerinnen gebe es „klare Verhaltensregeln“. Wenn sie ins Haus kommen, sollen die Frauen sich und ihren Kindern die Hände waschen. „Das wird von uns auch kontrolliert.“ Zudem geht nicht mehr jede Frau einzeln einkaufen. Zur Not strecke man für Großeinkäufe das Geld vor, sagt Megler. „Wir suchen ganz pragmatische Lösungen, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren.“

Die Mitarbeiterinnen in den Frauenhäusern beschäftigt noch eine weiteres Thema: Was, wenn wochenlanges Home Office und häusliche Isolation die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass es in einer Beziehung zu Gewalt kommt? „Wenn sich das gesamte Leben auf den häuslichen Bereich konzentriert, befürchten wir, dass das Aggressionspotential steigen kann“, sorgt sich Schlumpberger.

Ihre Hoffnung sei zwar, dass sich die Menschen auf das Wesentliche besinnen, sagt Emmy Megler. „Aber es ist eine extreme Herausforderung für Menschen, auf engem Raum zusammen zu sein, ohne noch mehr Konflikte zu haben.“ Ähnlich äußert sich Susanne Finn, Mitarbeiterin im Frauenhaus Alb-Donau-Kreis: „Wenn ohnehin schon Gewalt im Spiel ist, kann sich das auf engem Raum natürlich verstärken.“

Hilfe bei Gewalt


Sollte ihr Partner gewalttätig werden, können Frauen sich in Ulm an den Verein Frauen helfen Frauen wenden. In Neu-Ulm können Betroffene sich beim Frauenhaus der AWO melden.