Wie schädlich ist ein Covid-19 Verlauf? Forschende des Uniklinikums Ulm konnten nachweisen, dass SARS-CoV-2 nicht nur die Atemwege, den Verdauungstrakt, das Herz-Kreislauf- und das Nervensystem befallen kann, sondern auch den Stoffwechsel. Das teilte die Uniklinik am Mittwochvormittag in einer Pressemitteilung mit.

Löst Covid-19 Diabetes aus?

Bei schweren Verläufen können demnach die insulin-produzierenden Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse infiziert werden. Insulin ist ein wichtiges Hormon für den Körper, das Traubenzucker (Glucose) aus dem Körper in die Zellen weiter schleust. Ist dieser Vorgang gestört, wie es beispielsweise bei Typ-2-Diabetes vorkommt, staut sich der Zucker im Blut.
„Bei Patienten mit einer COVID-19-Erkrankung, gibt es immer wieder Verläufe, bei denen auch die Regulation des Blutzuckerspiegels gestört ist“, wird Professor Martin Wagner in der Mitteilung der Uniklinik zitiert. Der Leitende Oberarzt ist kommissarischer Sektionsleiter der Endokrinologie an der Klinik für Innere Medizin I an der Uniklinik Ulm. So treten bei schweren Krankheitsverläufen häufiger Symptome auf, wie sie typischerweise bei Diabetes mellitus vom Typ1 zu finden ist, der auf Insulinmangel zurückzuführen ist.
Symptome dabei sind unter anderem:
  • Hyperglykämie (Überzuckerung)
  • Ketoazidose (Übersäuerung des Blutes)
„Aktuelle Studien berichten dazu über Verschlechterungen bekannter Diabetes mellitus Erkrankungen, aber auch über Fälle von neu aufgetretenem Diabetes nach durchgemachter COVID-19 Erkrankung“, so Heisenberg Professor Alexander Kleger, dessen Arbeitsgruppe sich intensiv mit der Erforschung von Pankreas-Erkrankungen beschäftigt und der einer der Studienleiter ist.
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Ulm

Das wurde bei der Ulmer Studie untersucht

Bei der Studie wurde untersucht, wie es bei COVID-19-Patientinnen und -Patienten zu diesen Diabetes-typischen Symptomen kommen könnte.
Dafür haben die Forschenden Gewebe aus der Bauchspeicheldrüse mit SARS-CoV-2 in Kontakt gebracht und so herausgefunden, dass sich die sogenannten „Langerhans‘schen Inseln“ mit dem Coronavirus infizieren lassen. In diesen kleinen, kugelig organisierten Strukturen sitzen die insulinproduzierenden Beta-Zellen. Diese Zellen drücken bestimme Eiweißmoleküle heraus, ohne die SARS-CoV-2 die Zellen nicht infizieren kann. „Die körpereigenen Proteine TMPRSS2 und ACE2 sind sozusagen das Schloss, über das die Coronaviren mit ihrem Schlüsselprotein `Spike´ in die Zellen eindringen. Daraufhin vervielfältigen sich die Virus-Bausteine, und viele neue infektiöse Viruspartikel werden freigesetzt“, erklärt Professor Jan Münch, Studienleiter vom Institut für Molekulare Virologie, den Vorgang.
Zudem konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass sich infiziertes insulinproduzierendes Gewebe in Form und Funktion entscheidend verändert. „Dabei fiel auf, dass die Anzahl der Insulin-Granula reduziert war, in denen die Beta-Zellen das Insulin speichern“, so Dr. Janis Müller und Dr. Sandra Heller, die ebenfalls federführend an der Studie beteiligt waren.

Infektionen und Entzündung in der Bauspeicheldrüse

In Zusammenarbeit mit der Uniklinik Heidelberg fand das Forscherteam bei Autopsien an verstorbenen COVID-19-Patienten heraus, dass es auch eine SARS-CoV-2-Infektion der Bauchspeicheldrüse gibt. „Selbst nachdem in der Lunge keine Virusproteine mehr zu finden waren, konnten diese in der Bauchspeicheldrüse noch nachgewiesen werden, und dies bei unterschiedlich langen Krankheitsverläufen“, sagt Professor Thomas Barth, der als Pathologe des Universitätsklinikums Ulm an der Studie beteiligt war. Das könnte daraufhin deuten, dass das neuartige Coronavirus nicht nur außerhalb der Lunge aktiv ist und andere Organe infiziert, sondern dass diese Infektionen häufiger und andauernder sind als bisher angenommen.
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Ulm

Die Bauchspeicheldrüse ist nicht nur für die Produktion des Hormons Insulin zuständig, es setzt auch Verdauungssäfte im Zwölffingerdarm frei, die Fette, Kohlenhydrate und Eiweiße aus der Nahrung aufspalten. Das Forscherteam hat entdeckt, dass auch Bauchspeicheldrüsengewebe mit Coronaviren infiziert war, das diese Verdauungsenzyme produziert. Welche Relevanz das für den klinischen Krankheitsverlauf hat, ist noch unklar. „Bekannt ist bislang, dass aktive COVID-19-Erkrankungen auch von Entzündungen der Bauchspeicheldrüse begleitet werden“, erklärt Professor Kleger, der am Uniklinikum Ulm die Bauchspeicheldrüsenambulanz leitet. Ob die akut auftretenden Beeinträchtigungen der Insulinproduktion bei COVID-19-Patienten langfristig zu einer Diabetes-Erkrankung führen können, ist ebenfalls noch offen. Hierfür braucht es noch weitere Studien.