An den 4. Mai erinnert sich David Mack noch genau. Das Erste, was ihm auffiel, war der Fahrradständer. Normalerweise quetschen dort hunderte Schüler ihre Räder in die raren Stellplätze. An diesem Morgen standen nur ein paar vereinzelte Fahrräder auf dem Gelände. Am Haupteingang habe der Rektor gewartet, erzählt Mack. Er habe kontrolliert, wer das Gebäude betritt. „Im Schulhaus hingen Plakate mit Hygieneregeln.“ Auf dem Boden waren Absperrbänder aufgeklebt, Pfeile gaben die Laufrichtung vor.
Nein, so hatte sich der 18-Jährige den 4. Mai nicht vorgestellt. Der Schüler des Robert-Bosch- Gymnasiums in Langenau wollte zuhause sitzen und lernen. Das Mathe-Abi war für den 5. Mai angesetzt. Es wäre seine letzte schriftliche Prüfung gewesen. Doch das Abi wurde verschoben. Und Mack musste sich mit ganz anderen Fragen beschäftigen. Wie halte ich Abstand zu meinen Freunden? Wie funktioniert ein Schultag mit Schutzmaske? Wie arbeite ich konzentriert, wenn der Lehrer nicht im Raum ist?

Vorbereitung auf das Abitur: Jobben, warten, lernen

Die Corona-Pandemie verändert das Abitur. Das wurde Mack am 15. März bewusst, einen Tag vor dem ersten geplanten Abiturtermin: der Kommunikationsprüfung in Englisch.  „Eine E-Mail lag in meinem Postfach“, erinnert sich der Langenauer. Absender: der Schulleiter. Inhalt: Die Prüfung werde verlegt, die Schule bleibe vorerst geschlossen. Mack stand auf, ging raus, spielte Fußball. Er hatte keine Ahnung, ob, wie und wann er seine Abiturprüfungen schreiben könnte.
Die Unsicherheit wurde zum ständigen Begleiter. Politik und Verbände debattierten über die Schulöffnungen, über das Abitur. Mack wartete. Der 18-Jährige jobbte in einem Supermarkt und einem Getränkehandel. Nebenbei versuchte er, den Schulstoff zu wiederholen: „Ich habe die Basics gelernt.“ Die Lehrer schickten Aufgaben und Arbeitsblätter. Manche mehr, manche weniger. „Es war schon komisch. Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich zu wenig gelernt habe. Ich wusste gar nicht, wo die anderen stehen“, erzählt Mack.

Schulöffnungen: „Die Atmosphäre war anders“

Am 4. Mai wusste er es. Die Schule öffnete wieder – nach sieben Wochen Zwangspause. Nur für die Oberstufe und nur unter Auflagen. Die Klassen wurden getrennt, die Tische auseinander gestellt, die Stundenpläne gekürzt. Es gab maximal zwei Schulfächer pro Tag, Maskenpflicht auf dem Flur, höchstens zwölf Schüler durften zur gleichen Zeit in einen Raum. Die übrigen Tische wurden auf den Gang gestellt. Mack gefiel die neue Lernatmosphäre. „Ich fand das System besser. Die Lehrer gingen genauer auf die Fragen ein.“ Die Pausen verbrachten die Schüler in den Klassenräumen. Meist habe er sich mit seinen Kollegen über den Bundesliga-Neustart unterhalten, sagt der VfB-Fan. Viel habe man nicht geredet. „Die Atmosphäre war anders.“

Abitur in Langenau: Kein Abiball, keine Party

Vor Corona waren sich die Langenauer Abiturienten noch sehr nah. Gemeinsam hatten sie sich auf ein Abimotto geeinigt. „Abiversal – 12 Jahre im falschen Film“. Lange diskutierten sie, welche Farbe der Abi-Pulli bekommen sollte. Der Abiball in der Langenauer Stadthalle war auch schon in Planung. Mittlerweile ist klar: Die Veranstaltung fällt definitiv aus.
Die Abiturprüfungen finden hingegen statt. Am heutigen Mittwoch schreibt Mack Deutsch. Er werde voraussichtlich eine Kurzgeschichte interpretieren, sagt der Langenauer. Am kommenden Montag folgt die Englisch-Prüfung. Am Dienstag Mathe, am kommenden Donnerstag dann Geschichte. „Ich will es endlich hinter mir haben“, sagt Mack.
Ihm ist bewusst, dass das Abitur ein Nachspiel haben könnte. Schon jetzt gibt es Debatten, wie das „Corona-Abi“ zu werten sei. Mack bleibt entspannt: „Ich denke nicht, dass das Abi anders gewertet werden soll. Ich fühlte mich schon vor dem alten Termin ganz gut vorbereitet.“  Mehr beschäftige ihn, was nach den Prüfungen passiert. In vielen Fächern hat er in diesem Halbjahr noch keine Klausuren geschrieben. Die Schule überlege, Kurztests zu schreiben. „Wie will ich einen Chemie-Test schreiben, wenn ich drei Monate lang kein Chemie hatte?“, fragt sich der 18-Jährige. Auch wie er das bestandene Abitur feiern will, weiß er noch nicht. Natürlich habe man überlegt, sich in einem Chatroom zu treffen. Aber: „Digital feiern ist ein bisschen langweilig.“

Heute Deutsch, Mathe am Dienstag


Termine Ab jetzt geht es richtig los: In Baden-Württemberg und in Bayern steht heute, Mittwoch, das Deutschabitur, wobei die Bayern neue Fragen brauchen, nachdem in Bamberg die Prüfungen geklaut wurden. In der kommenden Woche steht für alle am Dienstag Mathe an, David Mack hat bereits am Montag Englisch. Der mündliche Teil soll vom 20. bis zum 29. Juli stattfinden.

Psyche Abitur, Angst, Ansteckungsgefahr: Abiturienten, die sich wegen des Coronavirus unwohl fühlen, dürfen an einem Nachtermine schreiben. Auch wenn sie selber nicht infiziert sind.