Was ein Biophysiker macht? "Er untersucht biologische Fragestellungen, aber er tut das mit Mitteln, Methoden und Denkweisen der Physik",  sagt Prof. Christof Gebhardt.  Und ist mittendrin im Thema, das ihn, den Biophysiker, umtreibt: die menschliche DNA.

46 Chromosomen sind in jeder Zelle. "Wenn man die DNA daraus aneinanderlegen würde, ergäbe dies Material von zwei Metern Länge. Gleichwohl wird diese Menge an Material in einen winzigen Zellkern gepackt, der nur fünf bis zehn Mikrometer groß ist." Dies geschehe nicht chaotisch, sondern nach einer bestimmten Ordnung.

Die architektonischen Prinzipien dieser Anordnung herauszufinden, darum geht es in Gebhardts Projekt, das den Namen "Chrom-Arch" trägt und das jetzt angelaufen ist. "Wir möchten die Strukturen, die in jeder Zelle leicht unterschiedlich voneinander sind, miteinander vergleichen." Grundlagenforschung ist das - zunächst. Irgendwann könnten die dabei gewonnenen Erkenntnisse auch zu einem besseren Verständnis von Erbkrankheiten beitragen, sagt der 36-Jährige.

Dass das Vorhaben kein Forschen im Elfenbeinturm ist, scheint auch der Europäische Forschungsrat verstanden zu haben. Er hat Gebhardt einen auf fünf Jahre angelegten und mit 1,5 Millionen Euro dotierten "Starting Grant" bewilligt. Damit werden herausragende Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet, die eine eigene Forschergruppe aufbauen. Im Schnitt nur etwa zehn Prozent der eingereichten Anträge wählt das in Brüssel sitzende Expertengremium Jahr für Jahr aus - diesmal setzten sich 328 (von 3200 eingereichten) Anträgen durch. "Ich hatte nicht damit gerechnet, umso größer war meine Freude". Was den Ausschlag für den Zuschlag gab? "Es war neben dem interdisziplinären Ansatz wohl vor allem die innovative Untersuchungsmethode", glaubt der Forscher.

Es handelt sich um eine Methode, die er als Postdoktorand an der Harvard University selbst entwickelt hat: die sogenannte Lichtblattmikroskopie. "Damit können wir im Gegensatz zur herkömmlichen Mikroskopie auch einzelne Ebenen einer Zelle beleuchten und beobachten, welche Prozesse dort ablaufen." Bisher hätten Forscher eine Vielzahl an Zellen benötigt, um die Chromosomenstruktur zu untersuchen - letztlich aber nur Durchschnittswerte erhalten. Mit der neuen Methode können wir die Struktur der DNA viel genauer nachzeichnen."

Für die Universität Ulm ist es bereits der dritte Starting Grant: Auch Prof. Jens Michaelis, ebenfalls Biophysiker, und Prof. Timo Jacob vom Institut für Elektrochemie erhielten in der Vergangenheit Zusagen. Ende 2012 konnten Ulmer Wissenschaftler um Prof. Martin Plenio sogar einen Synergy Grant über rund 10,3 Millionen Euro einwerben - das höchst dotierte Forschungsförderungsinstrument der Europäischen Union.

Von Harvard nach Ulm

Zur Person Als Christof Gebhardt 2013 eine Professur am Institut für Biophysik der Uni Ulm annahm, war er gerade 34 Jahre alt. Nach einem Studium der Physik und Biophysik in München hatte er als Doktorand zunächst zu molekularen Motoren und der Proteinfaltung geforscht, bevor er sich dem Innenleben einzelner Zellen widmete. An der Harvard University (USA) entwickelte Gebhardt bei einem dreijährigen Forschungsaufenthalt die so genannte RLS-Mikroskopie, die bis dato ungeahnte Einblicke in den Zellkern ermöglichte. In seiner Freizeit treibt er gerne Sport: Klettern, Radfahren und die Kampfkunst Aikido.