Hilfsaktion Chance auf normales Leben

Ulm / Willi Böhmer 07.06.2018

Sie sind Kinder, die zu Opfern wurden. Opfer von Kriegen, Brutalität und Armut in einem fernen Land. Viele kommen mit schweren Verletzungen und haben in ihrer Heimat keine Chance auf eine medizinische Versorgung, die ihnen ein normales Leben ermöglichen würde. Die meisten sind zwischen 8 und 14 Jahre alt. Die Hilfsaktion Friedensdorf International bringt sie in Kliniken in Deutschland, in denen sie behandelt werden. Eine dieser Kliniken, die Hilfe leisten, ist die Uniklinik Ulm. Seit der Gründung des Ulmer Freundeskreises der Hilfsaktion 1991 wurde auf diese Weise bereits mehr als 100 Kindern geholfen. Drei Kinderschicksale stehen stellvertretend für viele.

Das Mädchen Setara ist ein Minenopfer aus Afghanistan. Sie ist seit 2014 immer wieder in der Ulmer Kinderchirurgie in Behandlung. Im Frühjahr 2017 wurde sie erneut nach Ulm gebracht. Eine Metallplatte musste aus ihrem linken Bein entfernt werden. Jetzt kann sie beinahe normal laufen, wenn auch mit einer Prothese statt dem amputierten rechten Bein. Damit hatte niemand mehr gerechnet.

Ihre Familie lebt nur eine halbe Stunde von der nordafghanischen Stadt Masar i Scharif entfernt, in der die Bundeswehr ihr Hauptlager für den Afghanistaneinsatz aufgeschlagen hat. Sie ist ein fröhliches Mädchen. Alles lief gut bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem das Auto, in dem sie saß, auf eine Mine stieß. Zwei Menschen starben durch die Explosion, ihr Onkel und sie erlitten schwerste Verletzungen. Setara wurde in einer Klinik in Pakistan das zerstörte recht Bein abgenommen, und auch das linke sollte amputiert werden, als sich durch die vielen Splitter eine Entzündung ausbreitete, die die Ärzte nicht in den Griff bekamen. Sie wäre ohne Beine in dem rauen Land am Hindukusch verloren gewesen, deshalb stimmte der Vater nicht zu. Die Familie war verzweifelt und der Vater brachte die zehnjährige Tochter zu Dr. Marouf in der Hauptstadt Kabul, einem Arzt, der für den Roten Halbmond arbeitet. Und der schickte sie mit dem Friedensdorf zur Behandlung nach Deutschland.

Mühe zahlt sich aus

Prof. Florian Gebhard, der Ärztliche Direktor der Unfallchirurgie an der Uniklinik Ulm, und seine Ärzte mussten immer wieder operieren, bis sie die Entzündung im linken Bein in den Griff bekamen und das Bein stabilisieren konnten. Aber die Mühe war nicht vergebens. Als das Mädchen nach dem erneuten Eingriff im vergangenen Jahr in ihre Heimat zurückflog, konnte es auch ohne Krücken gehen. Inzwischen ist sie 13 Jahre alt. Sie wird immer wieder nach Deutschland kommen müssen, etwa um die Prothese an ihr Wachstum anzupassen.

Derzeit wird der elfjährige Sadjid Hamidi in der Kinderchirurgie der Uniklinik behandelt. Er stammt aus der Stadt Gardez südlich von Kabul. Wie die multiresistenten Keime in seine rechte Hüfte kamen, ist nicht bekannt. Vielleicht hatte er eine Verletzung, durch die sie eindrangen, sagt Stationsärztin Annika Rodi.

Der Junge konnte irgendwann nicht mehr laufen, hatte enorme Schmerzen und es bestand die Gefahr, dass die Keime aus dem Gelenk in die Blutbahn gelangen und eine tödliche Blutvergiftung auslösen. Der Erreger lässt sich mit Medikamenten allein kaum bekämpfen. Die Ärzte in Kabul wussten keinen Rat mehr. An der Uniklinik wurde er nun operiert, eine Drainage gelegt und das Gelenk wird seither regelmäßig gespült, um den Keim auszuwaschen.

20 Gleichgesinnte engagieren sich derzeit ehrenamtlich im Ulmer Freundeskreis. Sie sammeln Spenden, besuchen den Jungen und sorgen dafür, dass er von afghanischen Familien betreut wird, die schon lange in Ulm leben. Sie spielen und reden mit ihm in seiner Heimatsprach Paschtu. Sadjid ist erst seit Februar in Deutschland, erhält Unterricht in der Klinikschule und spricht auch die ersten Worte Deutsch. Trotzdem ist er oft traurig. Er vermisst seine Familie, will mit den Krücken über den Klinikflur laufen und trainieren, um möglichst schnell gesund zu werden. Das darf er aber nicht, weil die gefährlichen Keime aus seiner Hüfte auch andere Patienten befallen könnten. Er lebt in einem Isolierzimmer.

Sobald die Mediziner die Infektion im Griff haben, wird er ins Friedensdorf in Oberhausen gefahren werden, in dem viele Kinder nach ihrer Behandlung bis zur Rückkehr in ihre Heimat leben. Dann ist auch die Quarantäne vorüber. Derzeit darf sein Krankenzimmer nur mit hellblauer Klinikschutzkleidung mit Mundschutz und Haube betreten werden. Wenn alles gut geht, wird er im August geheilt in seine Heimat zurückkehren können.

Spenden ermöglichen OP

Während Sadjid hofft, dass die Entzündung schnell abklingt und die Keime verschwinden, bereitet sich die Ulmer Gruppe des Friedensdorfes bereits auf den nächsten Fall vor. Muhammed Lamin aus Gambia benötigt eine große Unterleiboperation, ein schwerer Geburtsfehler muss korrigiert werden. Drei bis vier Wochen wird er in der Klinik bleiben müssen. Die Operation ist teuer, kostet bis zu 21 000 Euro, und muss über Spenden finanziert werden. Ein Großteil des Betrages wurde bereits gesammelt, aber noch fehlt eine Garantiesumme von 4000 Euro, die nur fällig wird, sollten unerwartete Probleme auftreten, sagt Helge Herbert vom Freundeskreis. Ohne die Operation wäre Muhammed ein Leben lang gehandicapt und würde als Windelträger verspottet werden.

Die meisten der Kinder, denen in Ulm geholfen wurde, kamen aus Afghanistan, sagt Helge Herbert, dem Land, in dem seit knapp 40 Jahren gnadenlose Kriege toben. Andere stammen aus Angola, wo in vielen Regionen nach wie vor große Minenfelder immer wieder Opfer fordern, auch wenn die Kämpfe längst beendet sind.

Ärzte wählen die Kinder aus

Freibett Zweimal im Jahr, im Februar und im August, werden 100 vor Ort von Ärzten ausgewählte Kinder per Flugzeug ins Friedensdorf nach Deutschland gebracht und zur Behandlung auf Kliniken verteilt. Die Uniklinik Ulm unterstützt diese Hilfsaktionen, indem es ein Krankenhaus-Freibett für ein verletztes oder krankes Kind bereitstellt.