Geschichte Carl Laemmle zwischen Hollywood und Heimat

Paula Lutum-Lenger, Ausstellungsleiterin vom Haus der Geschichte Stuttgart, und der Laupheimer Museumschef Michael Niemetz freuen sich über die neue Carl-Laemmle-Dauerausstellung.
Paula Lutum-Lenger, Ausstellungsleiterin vom Haus der Geschichte Stuttgart, und der Laupheimer Museumschef Michael Niemetz freuen sich über die neue Carl-Laemmle-Dauerausstellung. © Foto: Matthias Kessler
Magdi Aboul-Kheir 13.01.2018
Das Museum zur Geschichte von Christen und Juden hat seine Dauerausstellung zu Film-Pionier Carl Laemmle neu gestaltet.

Indianerangriffe und Attacken der Kavallerie, Flugvorführungen und eine künstliche Überflutung: Zehntausend Besucher kamen im März 1915 zu der dreitägigen Show ins kalifornische San Fernando Valley. Ein Jahr zuvor hatte Carl Laemmle dort eine Hühnerfarm gekauft und Universal City erbaut. Nun zog Leben ein – und der jüdische Schwabe wurde zum Begründer Hollywoods.

Es ist ein staunenswertes Pan­oramabild, das in der neuen Laemmle-Abteilung des Museums zur Geschichte von Christen und Juden im Schloss Großlaupheim zu sehen ist – eines von vielen tollen Fotos. 200 000 Euro hat sich die Stadt Laupheim die neue Dauerausstellung im Erdgeschoss des Museums kosten lassen, die Vorgänger-Schau war 17 Jahre lang zu sehen gewesen.

Die Präsentation basiert auf der Sonderausstellung des Hauses der Geschichte in Stuttgart, die von Ende 2016 bis Juli 2017 anlässlich des 150. Geburtstags Laemmles zu sehen gewesen war. Die neue Ausstellung in Lau­p­heim öffnet nun am kommenden Dienstag just am letzten Tag dieses Jubiläumsjahrs. Das war mit 70 Veranstaltungen begangen worden, Höhepunkt war die erstmalige Verleihung des Carl-­Laemmle-Produzentenpreises: an Roland Emmerich, also auch einen Schwaben in Hollywood.

Die neue Ausstellung ist ebenso ein Grund zu feiern, und sie sollte helfen, noch mehr Menschen in das sehenswerte Museum zu locken. 8000 bis 10 000 Besucher pro Jahr waren es zuletzt.

Eine Medieninstallation am Eingang zeigt die Einbettung Laemmles in Laupheims Geschichte, „ein Mit-, Neben- und Gegeneinander“, wie Paula Lutum-Lenger, Ausstellungsleiterin des Hauses der Geschichte, es nennt. So wird der Besucher von einem lächelnden Carl Laemmle begrüßt, der Film stammt von 1925 und zeigt ihn mit dem Laup­heimer Gemeinderat. Die intensive Beziehung zu seiner Heimatstadt ist ein zentrales Thema der Ausstellung, Laemmles humanitäres Engagement ein weiteres.

Es wird nicht chronologisch, sondern thematisch erzählt. Und so rückt die Präsentation zunächst die Affidavits in den Mittelpunkt: die Bürgschaften, mit denen Laemmle in den 30er Jahren rund 300 jüdischen Laupheimern die Ausreise aus NSDeutschland ermöglichte. Ein großer Medientisch schildert anhand vieler Dokumente die Geschichte dieser Lebensrettungen.

Einer von Vieren

Und dann geht es natürlich um den Film-Pionier. Mit gerade mal 17 war Laemmle in die USA ausgewandert, hatte sich vom Laufburschen zum Geschäftsführer einer Textilfirma hochgearbeitet und dann 1906 in Chicago, fasziniert von den bewegten Bildern in den Nickelodeons, sein erstes Filmtheater gekauft. Es war der Einstieg ins Filmgeschäft, was mit dem Bau der Universal Studios eine neue Dimension bekam. Laemmle wurde einer der ersten großen Hollywood-Produzenten, Universal berühmt durch Horrorfilme wie „Frankenstein“ und „Dracula“; für den Anti­kriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ (1930) gab es sogar den Oscar.

Die Dauerausstellung ist aber nicht nur narrativ und medial modernisiert worden, sie bietet durchaus neue Erkenntnisse. Wenn sie etwa schildert, dass Laemmle – so eindrucksvoll seine Vita auch ist – nur einer von vielen war. Oder hier: einer von Vieren.

Denn drei andere Laupheimer Juden, die in den USA ihr Glück suchten, werden vorgestellt.  Leo Hirschfeld war 1884 zusammen mit Laemmle nach New York aufgebrochen und kam als Süßigkeitenfabrikant zu Reichtum. Samuel Einstein verdiente mit Manschettenknöpfen ein Vermögen und nannte sich später Sam ­Stone. Und Isidor Nathan Landauer wurde dank Taschentüchern zum Millionär. Zu allen dreien hielt Laemmle Kontakt, regelmäßig lud er sie zu seinen Festen ein.

So wird in der Ausstellung kenntlich, wie vernetzt dieser Carl Laemmle war. Zu Recht darf man ihn als „Global Player“ bezeichnen, im Jahr 1920 hatte Universal in 120 Städten auf der ganzen Welt Vertretungen.

Ein besonderer Fall war dabei Oskar Einstein. Der war von 1912 an in Berlin Verleiher von Laemmles Filmen und betrieb später zwei riesige Kinos im Wedding und in Neukölln. Auch dieser Oskar Einstein war gebürtiger Laup­heimer und sogar weitläufig mit Laemmle verwandt. Immer wieder liefen also die Fäden der Geschichte in Laupheim zusammen – oder sie entsponnen sich dort.

Die Erzählung von Laemmle, dem Filmpionier, endet folgerichtig im Kino. Dieser rotplüschige Saal ist unverändert geblieben. Dort geht, im wohligen Ambiente, ein Ausstellungsbesuch zu Ende, der von faszinierenden, aber auch aufwühlenden historischen Kapiteln berichtet.

Und es ist nicht ohne eine gewisse Ironie, dass der 1939 gestorbene Carl Laemmle – dieser vor 134 Jahren ausgewanderte, von den Nazis diffamierte und in der Nachkriegszeit erst zögerlich wiederentdeckte Sohn der Stadt – noch immer für  seine „geliebte Heimath“ Laupheim Gutes tut.

Eröffnung und Museumspädagogik

Ausstellung Die feierliche Eröffnung der neuen Laemmle-Dauerausstellung im Museum zur Geschichte von Christen und Juden in Laupheim ist am Dienstag, 18 Uhr. Am Mittwoch, Donnerstag und Freitag ist das Museum von 13 bis 17 Uhr geöffnet, danach gelten wieder die regulären Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag, 13 bis 17 Uhr. Am Samstag, 20. Januar, 14 Uhr, findet die erste öffentliche Führung statt. Wer sich für das reichhaltige museumspädagogische Angebot interessiert, wende sich an Museumpädagoge Michael Koch: 07392/96 800 25, michael.koch@laupheim.de