Ulm / ULRIKE SCHLEICHER  Uhr
Onkel Willi war bei allen Familienfeiern der Knaller, seine Auftritte waren zirkusreif: Keiner konnte so mit den Ohren wackeln wie er: Vor und zurück, nach oben, nach unten. Schwager, Neffen, Schwestern - fast jeder versuchte, Onkel Willis Ohrakrobatik nachzumachen.

Aber alles, was dabei herauskam, waren furchtbare Grimassen. Dabei wären sie mit der richtigen Anleitung und Übung durchaus dazu in der Lage gewesen. Denn Kopf und Gesicht sind von insgesamt 80 Muskeln durchzogen - alle können bewegt werden. Man tut es meistens nur nicht. Oder vielmehr nur in eine Richtung: Indem man etwa die Augen zusammenkneift, die Stirn kräuselt oder die Augenbrauen zusammenzieht und so die berühmte Zornesfalte entsteht.

Wer will, kann lernen, seine Gesichtsmuskeln zu beherrschen. Eine Methode dazu ist die der ehemaligen Vogue-Chefredakteurin, Körperforscherin, Ausbilderin, Therapeutin und Autorin Benita Cantieni. 1998 gründete sie die Cantienica-Methode, inzwischen gibt es längst zahlreiche, ausgebildete Trainerinnen in ganz Deutschland - und auch in Ulm. Hier bietet Iris Steinbach seit zehn Jahren Cantienica-Kurse an.

"Faceforming ist nur ein Teil von Cantienica. Und es ist beileibe nicht nur als Mittel gegen schlaffe Gesichtsmuskeln und ein Doppelkinn gedacht", stellt sie klar. Vielmehr helfen die Übungen, Nacken, Kopf und Körper in eine optimale Haltung zu bringen und sind unter anderem "wirksam gegen Schleudertraumata, Spannungskopfschmerzen und Migräne".

Im Fokus von Cantienica liegt jedoch die Körperwahrnehmung und die Fähigkeit zu lernen, sich wieder unbeschwert zu bewegen und zu gehen. So wie man es als Kind ganz automatisch getan hat. Kleinkinder sitzen etwa mühelos mit kerzengeradem Rücken, genau so mühelos gehen und stehen sie. Das alles müssen Erwachsene wieder lernen. "Dazu werden der Beckenboden sowie Becken- und Hüftmuskulatur integriert, denn dieser Teil des Körpers ist entscheidend für Gehen, Stehen, Sitzen", erklärt Iris Steinbach. Und vieles ist dabei eine Frage der Haltung.

In dem freundlich eingerichteten Studio von Iris Steinbach in der Herrenkellergasse stehen fünf Frauen majestätisch aufrecht. Ihr Kopf thront auf dem Hals als zöge sie ein Faden nach oben, der obere Rücken ist gerade, die Schultern sind entspannt, der Brustkorb steht über dem Becken, das Gewicht des Körpers ist gleichmäßig auf beide Beine und auf die Fersen verteilt. "Aufspannen und die Knochen fein säuberlich übereinander stapeln", nennt Iris Steinbach diese Grundhaltung, zu der im Inneren des Körpers die Aktivierung des Beckenbodens gehört.

"Hier muss man alles vergessen, was man sich leider über Jahrzehnte angewöhnt hat", erklärt eine ältere Frau, die an Hüft- und Leistenschmerzen leidet und von einem Heilpraktiker zu Iris Steinbach geschickt wurde. Dazu gehöre das eingesunkene Sitzen mit rundem Rücken genau so wie die Schultern hochzuziehen und damit den Hals einzuklemmen, wie ein Elefant die Treppen hinauf und hinunter zu trampeln und damit Knie und innere Organe durch die Erschütterungen zu belasten.

"Durch die Übungen hier wird das Gegenteil bewirkt: Alles wird weit und Bewegung im Alltag wird leichter", beschreibt sie. Trainiert werden nicht die äußeren Muskeln, sondern die innenliegenden, damit Organe, Bandscheiben und Skelett einen guten Halt bekommen.

Einfach ist das jedoch nicht. Wer - wie Iris Steinbach ihren Kursteilnehmerinnen gerade vorgibt - die Hüftpfannen "wie Blinklichter ausrichten und zusammenziehen" sowie die Sitzbeinhöcker nach "unten Richtung Fersen lang" machen soll, muss erst einmal erspüren, wo das alles sitzt und wie man es bewegt. Zumal es um "sehr feine, detaillierte, dreidimensionale Bewegungen geht". Und die sind anfangs vertrackt:

Konzentriert man sich auf die Sitzbeinhöcker - das sind übrigens die Knochen, die man spürt, wenn man aufrecht am Rand eines Stuhles sitzt -, zieht man vor lauter Anstrengung die Schultern nach oben. Oder man spannt die vordere Oberschenkelmuskulatur an. "Aber die und alles andere sollen locker bleiben", sagt die Trainerin. Denn für jede Bewegung gilt: Wird sie richtig ausgeführt, geht sie wie von selbst und fast ohne Anstrengung.

"Cantienica erfordert viel Geduld", ist die Erfahrung einer Bankangestellten, die wegen ihrer Beckenbodenschwäche den Tipp von ihrer Frauenärztin bekam und nun den Grundkurs bei Iris Steinbach absolviert hat. Stichwort Beckenboden. Er wird mit Frauen aufgrund der Schwangerschaft in Verbindung gebracht. Männer bekommen fast immer einen leicht besorgten Gesichtsausdruck, wenn das Wort "Beckenboden" fällt. Ist Cantienica auch für Männer gedacht?

"Klar, auch Männer haben einen Beckenboden", sagt die Trainerin. Aber meist werde ihnen das beispielsweise erst nach einer Prostataoperation oder bei Inkontinenz bewusst. Bei Iris Steinbach nimmt ein Mann seit rund einem halben Jahr Einzelstunden. "Ich habe beidseitig eine Hüftarthrose und Probleme mit dem Ischiasnerv", erzählt der 55-Jährige. Gehen sei oft schmerzvoll. Er ging zu einer Probestunde. "Ich war sehr skeptisch." Aber danach: "Es klingt ja blöd, aber ich habe gedacht, es ist Magie, weil ich wie auf Wolken gelaufen bin".

Inzwischen sei er so weit, dass er das Gelernte in den Alltag einbauen könne, ohne stets darüber nachzudenken. Aber Cantienica erfordert konsequentes Üben und man müsse lernen, in sich hinein zu hören. "Ich hatte Rückschläge, weil ich faul war." Seine Schmerzen sind zu einem guten Teil verschwunden. "Und wenn ich sie habe, kann ich sie mit den Übungen mildern." Die Hüft-OP sei erstmal in weite Ferne gerückt.

Was ist der Beckenboden?

Entwicklung Seit ihrer Kindheit engte eine Skolose Benita Cantieni in ihrer Bewegungsfreit ein und nahm ihr die Luft - die Verkrümmung des Rückgrats ging einher mit chronischen Luftwegerkrankungen. Keine Therapie half, obwohl sie allen möglichen Methoden auf den Grund ging. Schließlich landete sie bei Callanetics, die ihr anfangs half bis sie schließlich die Cantienica-Methode entwickelte und 1998 offiziell als Marke eintragen ließ.

Beckenboden Der Beckenboden besteht aus einer Vielzahl von Muskeln und Bindegewebsstrukturen. Er verschließt das Becken nach unten und er hält die inneren Organe im Bauchraum. Wichtig: Die Beckenbodenmuskulatur arbeitet mit der Bauch-, der Rücken- und der Atemmuskulatur zusammen. Beim Husten, Niesen, Lachen, Springen oder beim Tragen schwerer Lasten hält der Beckenboden reflexartig gegen, um unkontrollierten Stuhl- oder Urinverlust zu vermeiden. Ein schlaffer Muskel führt zu Inkontinenz.