Ulm / CHRISTINE LIEBHARDT  Uhr
Viele hatten sich beschwert: Seit dem letzten Fahrplanwechsel und dem Ende der Linie 6 dauert es deutlich länger, mit dem Bus von der Stadt auf den Eselsberg zu kommen. Jetzt bessern die SWU nach. Mit Leitartikel von Hans-Uli-Thierer: No fun und nun noch risk.

„Die haben schon ein schweres Los.“ Die, das sind die Studenten, die jeden Tag von den Wohnheimen in der Oststadt mit dem öffentlichen Nahverkehr zur Uni auf den Eselsberg müssen. Und der, der für ihren seit ein paar Monaten deutlich längeren Weg durchaus Empathie aufbringt, ist Ingo Wortmann, Verkehrschef der Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm, die schwer beschäftigt sind mit Planung und Bau der neuen Straßenbahnlinie zwischen Kuhberg und Eselsberg. Weshalb es dort einige Einschränkungen gibt: Sperrungen, Umleitungen, Komplettstreichung der Linie 6.

Knackpunkte der Kritik, die auch unsere Zeitung in vielen Leserbriefen erreichte: Seit der Fahrplanumstellung im Dezember brauchen Fahrgäste von der Innenstadt auf den Eselsberg und umgekehrt mehr als doppelt so lange wie zuvor – statt 20 nun locker 50 Minuten. Und: Viele, gerade ältere Menschen fühlen sich durch die sparsam getaktete neue Pendel-Linie 8 vom Nahverkehr abgehängt. „Insgesamt hat es relativ wenige Beschwerden gegeben – die zur Linie 8 haben sich aber deutlich gehäuft“, berichtet Wortmann. Im Gespräch mit den Mitarbeitern der Task Force Linie 2 der Stadt haben die SWU diese Woche nach Lösungen gesucht. Mit dem Ergebnis, dass zum 14. März nachgebessert wird. Und zwar so:

Linie 8 Sie wurde eingerichtet als Pendelbus vom Ruländerweg zur Multscherschule. Diese Strecke wird derzeit von den Stadtbussen 3 und 5 nicht bedient. Die Linie 8 fährt allerdings meist nur im 20-Minuten-Takt, am Wochenende halbstündlich – und nach 21 Uhr gar nicht. Das soll sich Mitte März ändern: Dann wird nicht nur ein Abendverkehr eingerichtet, die Linie wird zusätzlich zu den Schulzeiten verdichtet und soll dann im 10-Minuten-Takt fahren, „um den Berufs- und Schülerverkehr zu entlasten“, wie Wortmann sagt.

Außerdem wollen die SWU versuchen, einen kleineren Bus auf die Umleitungsstrecke über den Stifterweg zu schicken, wie von Anwohnern gewünscht. Wobei es ein grundlegendes Problem gibt, wie Ingo Wortmann erklärt: „Wir haben einen großen Bus – und keinen kleinen Bus.“ So sei es wenigstens „ökonomisch schwierig, den großen Bus arbeitslos auf dem Hof stehen zu lassen und einen kleinen Bus zu kaufen.“ Allerdings fährt auf der Linie 14, die durchs Donautal führt, ein kleinerer Bus, der zu Schulzeiten recht voll sei. Eventuell könne man die beiden Fahrzeuge miteinander tauschen.

Linie 15 Dieser Bus ist auf Vorlesungsbeginn und -ende ausgerichtet und fährt in 25 Minuten vom Willy-Brandt-Platz via Jungingen zum Science Park II. Wer zu anderen Zeiten aus der Oststadt zur Uni will, hat Pech: Vom Theater fährt während der Dauer der Bauarbeiten kein Bus zum Eselsberg, man muss erstmal ans Ehinger Tor – was die Fahrzeit verlängert. Deshalb fährt die Linie 15 künftig von 9 bis 16 Uhr stündlich, allerdings nur auf dem Abschnitt Egertweg – Science Park II; und so richtig erst zum Beginn des Sommersemesters am 11. April. „Wenn man dann mit der Straßenbahn nach Böfingen fährt und dort in die 15 einsteigt, ist man 16 Minuten schneller als übers Ehinger Tor“, verspricht Wortmann. Und auch, dass bei Problemen der Fahrplan weiter angepasst werden könne.

 

Leitartikel von Hans-Uli-Thierer: No fun und nun noch risk

Zu den Klassikern eingedeutschter Anglizismen gehört: No risk, no fun. In Bezug auf den Bau der Straßenbahn darf das Wort, nach dem jeder Spaß eines Risikos bedarf, seit dieser Woche abgewandelt werden.

Nun bildet zwar die Linie 2, die von 2019 an den Kuhberg und die Schulen, den Eselsberg und die Wissenschaftsstadt per Schiene mit der City verbinden wird, künftig nicht nur das Herz im städtischen Nahverkehr, indem sie Ulm endlich ein Straßenbahnnetz beschert. Die Linie 2 hat im Blick aufs Gesamtverkehrsgefüge im Großraum Ulm/Neu-Ulm, die neue ICE-Strecke und das Ringen um eine Regio-S-Bahn die Funktion eines Herzschrittmachers.

Bis die Linie gebaut ist, hält sich der Spaß freilich auch ohne Risiko in Grenzen. Seit Baubeginn im Sommer, vor allem seit Umstellung auf den Winterfahrplan und die nun gültigen Fahrpläne und Streckenführungen während der Bauzeit haben die Ulmer einen Vorgeschmack darauf erhalten, was noch alles auf sie zurollt: Umleitungen, Umstände, Verkehrsbelastungen, Staus, Verspätungen, Dreck, Lärm. Und was wird nicht alles an Bäumen abholzt, um der Tram die Schneise zu bahnen.

Seit Mittwoch, seit der letzten Gemeinderatssitzung des Oberbürgermeisters Ivo Gönner, legt nun auch noch eine Risikoabschätzung auf dem Tisch, die es in sich hat. Träten verschiedene negative Ereignisse geballt ein – Baukostensteigerungen, Verzögerungen, Zuschusskürzungen –, könnten zusätzliche Kosten bis 36 Millionen Euro entstehen, die Linie 2 würde 231 Millionen Euro teuer. Bitter wäre in diesem Fall, dass die Stadt für diesen Risikobetrag keine Gefahrenzulage in Aussicht hat. Das heißt: Sie müsste Mehrkosten selber tragen. Das schränkte die eh enger gewordenen Finanzspielräume weiter ein.

Nun wird dieser – um einen anderen gängigen Anglizismus zu bemühen – worst case kaum eintreten. Erste Entspannungen zeichnen sich ab. So ist die lange wackelige Bezuschussung des 7,6 Millionen Euro teuren neuen Betriebshofs seit kurzem geklärt. Ein Risikofaktor weniger. Die größten Unsicherheitsumstände bilden aber weiterhin die Zuschüsse von Bund und Land. Sie sind zwar zugesagt, sicher in den Höhen ist aber vieles nicht.

Speziell der Bund hält sich Hintertürchen offen. Er schränkt Zusagen ein mit der auslegungsbedürftigen und juristisch dehnbaren Formulierung: „. . . bis zu 60 Prozent der förderfähigen Kosten“. Wenn sie Stillstand vermeiden wollen, bleibt den Kommunen nichts anderes als Gottvertrauen. In eine hohe Politik, die ihnen oft genug die Kosten für Geschenke ans Wahlvolk aufbürdet und auch ansonsten alles andere als verlässlich ist. Nicht vergessen sei, dass dafür alle jene Politiker verantwortlich sind, die an Wochenenden in ihren Wahlkreisen den Wert der kommunalen Selbstverwaltung beschwören und den Städten und Gemeinden ihre volle Unterstützung versichern.

Worthülsen, wie die Realität am Beispiel Ulmer Straßenbahnbau zeigt. Allen Risiken zum Trotz aber: Ulm braucht diese Linie 2. In einem Satz gesagt deshalb, weil der Autoverkehr lahmt und lähmt und der stockende Berufsverkehr in der Stadt nach freier Fahrt schreit. Also Ulmer: Augen zu und durch. Dann eben doch nach dem Motto: no risk, no fun.