Ulm Bushido vor 1500 Fans in der Neu-Ulmer Arena

Nach oben ist wieder Luft: Nur 1500 Fans wollten Bushido in der Neu-Ulmer Arena erleben. Foto: Udo Eberl
Nach oben ist wieder Luft: Nur 1500 Fans wollten Bushido in der Neu-Ulmer Arena erleben. Foto: Udo Eberl
Ulm / UDO EBERL 02.05.2012
Auf seiner "Jenseits von Gut und Böse"-Tour machte Bushido in der Neu-Ulmer Arena Station. Nur im Zugabenteil kokettierte er mit seiner von Zensur und Kontroversen geprägten Rapper-Vergangenheit.

Bushido hält sich selbst noch immer für die rappende Nummer 1 im Land. Die Besucherzahlen sprechen eine andere Sprache. Nur rund 1500 Fans kommen in die - in der Hallenmitte abgehängte - Neu-Ulmer Arena, und auf die laue Fast-Sommernacht lässt sich das schwer schieben. Bushido zieht nicht mehr, da kann er in TV-Shows noch so sehr den geläuterten Gangstarapper spielen. Die heftige Kritik an der Überreichung des "Bambi für Integration" 2011 inklusive der folgenden scharfen und berechtigten Diskussionen hat dem Deutsch-Tunesier eher noch in die Karten gespielt. Auch negative Schlagzeilen sorgen für Popularität, das weiß kaum einer besser als Bushido. Und er braucht sie, denn sonst sähe es auf den Rängen noch trauriger aus.

Die Nacht vor dem 1. Mai steht weithin für alkoholisch geprägte Tradition, in Metropolen eher für politisch unsortierte Bambule. Bei Bushido brennt zu Beginn noch nicht mal die Luft. Anis Mohamed Youssef Ferchichi, so heißt der Berliner bürgerlich, muss schwer arbeiten, um die Stimmung in der halbierten Arena anzufachen. Zunächst kommt der Sound eher wummernd aus den Boxen - obwohl bei Beats aus der Konserve ein halbwegs akzeptabler Klang hinzubekommen sein sollte. DJ Ramon und der rappende Sideman Elmo stärken Bushido, der mit angekratzter Stimme an den Start geht, den Rücken.

Der Frontmann gibt den freundlichen Provokateur, der gezielt mit Bäh-Wörtern um sich wirft oder sich in den Schritt fasst. Doch schnell wird klar, dass die Zeit nicht nur Bushido, sondern auch die Einschätzung der Wortwahl verändert. Manches Kraftwort und viele Beschimpfungen wirken wie das gewöhnliche aktuelle Kiddie-Sprachrepertoire. Bushido spricht drum die Fangemeinde lieber ganz anti-aggro mit "Meine Damen und Herren" an. Mit Zeilen wie "Ihr seid mir alle viel zu Beverly Hills, und diese Möchte-gern-Topmodels fressen nur Pillen. Egal ob Pop-Stars oder DSDS, in meinen Augen seid ihr alle nur Dreck - verreckt" trifft er vielleicht sogar des Volkes Meinung wie eine "Bild"-Schlagzeile.

"Der Weg eines Kriegers", zusammen mit "Berlins Most Wanted" eingespielt, zeigt, wie überholt mancher Text bereits ist. "Ich habe mir diesen Weg hier ausgesucht", rappt er und müsste eigentlich über den Zwangsreim "Meine Konzerte sind jetzt ausgebucht" stolpern. Doch was er macht, ist für die Treuen der Treuen, eine vom Alter her bunt gemischte Fangemeinde, irgendwie okay. Die Beats gehen hüftwärts, das zu Gehör gebrachte ist amtlich produziert. Selbst die Mädels bekommen zwischen HipHop-Quickies mit "Wärst du immer noch hier" eine Softpackung verpasst, während sich der Star im bühnenfüllenden Film im Hintergrund geradezu verträumt auf dem Deck eines Segelschiffs sonnt.

Alles schön und gut, wenn es nur nicht so viele Texte wie "Alles wird gut" oder "Alles verloren" gäbe. Ghetto-Feeling light, immer mit mächtig viel Pathos, fast schon tränendrüsig in die Soundröhre geschoben. Lass sie reden, lass dich nicht runterziehen, geh deinen Weg - erste Hilfe vom Selfmade-Millionär mit dem Hang zu dicken Autos und Goldkettchen. Zu "Zeiten ändern dich" bereitet Bushido zwei Fans die Bühne, dann gehts mit ihm in "23 Stunden Zelle" in den Knast, und "Für immer jung" mit Karel Gott aus dem Off ist Bushidos Antwort auf Scooter. Wohlgemerkt, die Zugaben werden frenetisch erklatscht und errufen.

Nach der Reizwortparade "Sonnenbank Flavour" tritt der Rapper eine kurze Reise in die Song-Vergangenheit an, in der Schwuchteln noch auf die Schnauze bekamen. "Berlin" - nur neun Jahre ist das her, da kotzte er sich auf tiefstem Niveau und diskriminierend über alles zwischen Skyline und Bordstein der Hauptstadt aus; heute soll er für respektvolles Miteinander stehen. Höflich bedankt er sich bei einer einem Ehepaar samt Kind dafür, dass eine Familie bei einem seiner "schlimmsten Songs" applaudiert. Beifall auch von Achtjährigen, die auf den Schultern ihres Papas sitzen. Familienfest mit Bushido. Die Zeiten ändern sich. Wie gut, denn er wird noch immer mit 250 Sachen über die Autobahn rasen, da haben ihn andere Rapper längst links und rechts in den Charts überholt. Und diese Zeit hat längst begonnen.

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