Wenn man sich mit Christine Söffing unterhält, muss die Frage erlaubt sein. "Frau Söffing, wie sieht meine Stimme aus?" Die Leiterin des Musischen Zentrums der Uni Ulm antwortet, ohne groß nachzudenken. "Ein Grünton mit orange-beige drin." Nein, die 47-Jährige macht keine Witze, einen Dachschaden hat sie auch nicht. Söffing ist Synästhetikerin.

Synästhesie (griechisch "Mitempfindung") ist ein unbewusster Akt. Bei dieser oftmals bei künstlerischen Menschen anzutreffenden Begabung - Jimi Hendrix und Wassily Kandinski etwa waren Synästhetiker - löst ein Sinnesreiz unfreiwillig weitere Wahrnehmungen aus. Für Söffing etwa klingt ein Klavier blau, eine Geige grün und ein Saxophon orange-rot.

63 Synästhesie-Varianten haben Wissenschaftler bis dato ermittelt, sagt Söffing. Es gibt Menschen, die Schmerzen riechen können oder Klänge schmecken. Mit Abstand am häufigsten ist jedoch die Farben-Synästhesie, bei der Töne oder Buchstaben respektive Zahlen Farbwahrnehmungen hervorrufen.

Bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts ist das Phänomen Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Mittlerweile ist Synästhesie im Kernspintomographen nachweisbar. Bei Synästhetikern werden bei entsprechenden Reizen deutlich mehr Hirnareale aktiviert als bei gewöhnlichen Menschen. Unklar ist aber nach wie vor, wie Synästhesie entsteht. Ist sie angeboren? Oder erlernbar und damit womöglich sogar nutzbar - beispielsweise, um besonders effizient zu lernen?

Aufschluss darüber könnten Erkenntnisse zur Synästhesie bei Kindern geben, sagt Söffing, die auch stellvertretende Vorsitzende der 2005 gegründeten Deutschen Synästhesiegesellschaft (DSG) ist. Typisch sei, dass sich Synästhetiker ihrer Fähigkeit zunächst nicht bewusst seien, es eben als normal hinnähmen, dass die Sieben grün ist. "Man merkt es meistens erst dann, wenn die anderen sagen, was redest du da für komisches Zeug". Bei Söffing dauerte es 19 Jahre, bis sie wusste, dass sie diese Begabung hat. Heutzutage geht es oft schneller. Zunehmend meldeten sich bei der DSG Eltern, die über synästhetische Fähigkeiten ihrer Kinder berichten oder Rat suchen, berichtet sie.

Über den Anteil von Synästhetikern in der Bevölkerung gibt es übrigens ganz unterschiedliche Schätzungen. Sie reichen von einer aus 23 bis zu einer unter 2000 Personen. Aufgrund der Häufung von Synästhesie in Familien wird eine Erblichkeit vermutet. Untersuchungen und Erfahrungen zeigen, dass bestimmte Phänomene bei Synästhetikern gehäuft vorkommen. Dazu gehören Hochbegabung und erhöhte Kreativität.

Erstmals tragen Wissenschaftler, Betroffene und Künstler nun Beobachtungen und Forschungsergebnisse zu jungen Synästhetikern zusammen: auf einer internationalen Tagung an der Uni Ulm. Der Kongress "Synaesthesia" am 11. und 12. Mai wird vom Musischen Zentrum und der DSG organisiert, etwa 80 Teilnehmer aus Deutschland, dem benachbarten europäischen Ausland sowie aus Russland und den USA werden erwartet, darunter Dr. Sean Day, Präsident der amerikanischen Synästhesie-Gesellschaft.

Zu welchen Ergebnissen die Konferenzteilnehmer kommen werden, ist offen. In ihrer Arbeit als Kunstpädagogin mit Drei- bis Zwölfjährigen beobachtet Söffing aber seit vielen Jahren: "Viele Kinder nehmen synästhetisch wahr." Antworten wie, "die Musik klingt rot, die Stimme ist orange", seien häufig. Allerdings gingen solche Äußerungen oft nach ein paar Monaten in der Schule verloren. Die Forschung nehme mittlerweile an, dass zwischen dem 3. und 7. Lebensjahr ein sogenanntes Zeitfenster existiert, innerhalb dessen Synästhesien entstehen. Lerne ein Kind, seine Synästhesie zu nutzen - zum Beispiel, in dem es sich beim Lernen damit Eselsbrücken bilde - bleibe die Fähigkeit offenbar erhalten. "Ansonsten geht sie wieder verloren, weil sie nutzlos erscheint."