Literatur Buchvorstellung: Bachtyar Alis Roman "Der letzte Granatapfel"

Ali Bachtyar stellt seinen ersten ins Deutsche übersetzten Roman vor.
Ali Bachtyar stellt seinen ersten ins Deutsche übersetzten Roman vor. © Foto: Christina Kirsch
CHRISTINA KIRSCH 25.07.2016
Der Literatursalon Ulm lud in Kooperation mit dem Café Beirut den irakischen Autor Bachtyar Ali ein. Sein Buch "Der letzte Granatapfel" ist sein erster Roman auf Deutsch.

Dieses Buch wird von Lobreden umschwirrt. So wie die Mücken bei der Lesung im feuchten Innenhof der Neu-Ulmer Steinwerkstatt Vogel umsurren die Rezensenten im deutschen Liteaturbetrieb Bachtyar Alis Roman „Der letzte Granatapfel“. Jeder will sich an der Lektüre nähren. Und der kurdische Autor, hochgerühmt in seiner Heimat, schüttet Lesehonig aus, als schöpfe er aus nie versiegender Fülle. Auch wenn es eine Floskel ist: Das Buch legt man nicht mehr weg.

Bachtyar Ali war mit Lucien Leitness, seinem Verleger und Gründer des renommierten Züricher Unionsverlag, jetzt nach Neu-Ulm gekommen. Der Schauspieler Clemens Grote las aus dem Roman, der in trickreiche Kapitel gegliedert ist. Auch wenn es Bachtyar Ali nicht mag, dass er mit Scheherazade verglichen wird, funktioniert sein Buch doch ähnlich, wenngleich nicht so märchenhaft. Jede Geschichte hat am Ende eine Frage. „Zwischen uns steht weder eine Rechnung noch ein Traum“, sagt der Erzähler Muzafari Subhdam am Ende des dritten Kapitel, als er nach 21-jähriger Gefangenschaft wieder vor seinem einstigen Anführer und Mitkämpfer steht. „Nur eine Sache steht zwischen uns, eine ungeklärte Sache: Sag mit, wo ist Saryasi Subhdam?“ „Damit öffnete ich den Fluten das Tor“ schließt das Kapitel.

Die Geschichten werden an Bord eines Bootes erzählt, das Muzafari Subhdam zusammen mit anderen Flüchtlingen in den Westen bringen soll. Das Boot kreist auf dem Meer. Man weiß nicht, ob die Flüchtenden überleben werden. Der Roman „Der letzte Granatapfel“ beginnt aber am Anfang. Muzafari Subhdam ist ein hochrangiger Peschmerga, der seinem kurdischen Revolutionsführer einst das Leben rettete, als sie von Truppen des Regimes umstellt waren.

Muzafari gerät mitten in der Wüste in Gefangenschaft. Dort verliert der Erzähler die Zeit. Sein Freund ist der Sand. Einmal im Monat wird er kurz aus dem Gefängnis geführt und darf seine Füße in den Sand graben. Ein Freudentag für den Gefangenen.

Bachtyar Ali hat diesen Roman schon 2003 in seiner Muttersprache Sorani geschrieben. „Der letzte Grantapfel“ ist der erste Roman des 1960 geborenen Autors, der auf Deutsch erscheint. Das Übersetzerpaar Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim hat die intensive Sprache dicht und packend ins Deutsche transportiert.

Der Autor beschrieb im Interview mit seinem Verleger den Anführer Jakobi als charismatische Figur. „Orientalen sind keine Denker, keine Philosophen und keine Politiker“, sagte Bachtyar Ali, „aber sie haben eine Aura.“ Jakobi sei ein Täter, der sich als Opfer zeige. „Führer hüten unbewegliche Strukturen und wollen nie die Wahrheit wissen“, meinte der Schriftsteller.

In dem Roman begibt sich Muzaferi Subhdam auf die Suche nach seinem zurückgelassenen Sohn und findet drei verschiedene Söhne. Hier heben die Erzählungen ins Märchenhafte ab. Es sind aber Märchen, die in der Gegenwart spielen. So wird Mohamadi Glasherz, „einer, der gerne Geheimnisse lüftet“, von einer Sturzflut fortgerissen und durch seine Stadt gespült. Mit ihm schwimmen Autos, Tierkadaver, Autoreifen und ertrunkene, schwarz gewandete Frauen. Mit überkreuzten Beinen und strahlendem Lächeln sitzt Glasherz auf der Wasseroberfläche. Ein Wunder.

Albtraum, Verschleierung und Kriegsrealität mischen sich in diesem Buch. „Realismus alleine kann nicht alles erleuchten“, sagt der Autor. „Um die unlogische Welt zu erreichen, braucht es Fantasie.“ Die poetische Sprache sei eine tragische Sprache. Und „Schönheit ist wichtiger als Wahrheit“, sagt Ali. Der Schriftsteller  versteht seine Romanepisoden wie den Ring einer Kette. „Jede Geschichte macht die Abwesenheit einer anderen Geschichte deutlich“, erklärt er. Da möchte man nun wirklich schnell die ganze Kette haben – und bekommt sie nicht zu greifen.

Info Bachtyar Ali: Der letzte Granatapfel. Unonsverlag, 320 Seiten, 22 Euro.

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