Publikation Buch über Ulms Straßennamen erschienen

Ulm / Von Rudi Kübler 09.12.2016

Was täten Briefträger oder Gerichtsvollzieher ohne Straßennamen? Was der Notarzt? Oder  auch wir? Die Fragen sind rhetorischer Natur, denn: Wir alle wären aufgeschmissen. Straßennamen aber nur auf ihre Funktion der Orientierung zu reduzieren, wäre zu kurz gegriffen, sagte Henning Petershagen bei der Vorstellung seines Buches „Ulms Straßennamen. Geschichte und Erklärungen“. Straßennamen, so der Historiker und langjährige Redakteur der SÜDWEST PRESSE, sind Teil der persönlichen Biographie. Wer kann sich nicht an den Namen der Straße erinnern, in der er seine Kindheit verbracht hat?

In den Straßennamen stecke noch weit mehr, „ich wage zu behaupten, in ihnen steckt die ganze Geschichte einer Stadt, mit direktem oder indirektem Bezug“. Der direkte Bezug: Die Bessererstraße, klar, sie geht auf die Ulmer Patrizierfamilie zurück; der Federmannweg, wohl sehr wenigen bekannt, auf den Ulmer Konquistador Nikolaus Federmann, der Gouverneur von Venezuela war und Kolumbiens Hauptstadt Bogota mitbegründete. Oder der Willi-Eckstein-Weg, er ist benannt nach einem elfjährigen Sinti, der mit seiner Familie von Ulm nach Auschwitz deportiert wurde. Dass der Weg vor 2009 Otto-Elsässer-Weg hieß, macht deutlich, dass Benennungen nach Kommunalpolitikern „auch ins Auge gehen können“. Denn Elsässer hatte sich nicht nur um den Wiederaufbau Ulms verdient gemacht; er, der während der NS-Zeit Stadtkämmerer war, hatte sich auch tatkräftig an der „Entjudung Ulms“ beteiligt.

Ein direkter Bezug besteht auch bei Straßennamen, die auf bestimmte Gebäude zurückgehen: die Deutschhausgasse erinnert an das Domizil des Deutschen Ordens, die Sedelhofgasse an den Sedelhof, „ein steuerfreies Hofgut“. Die Paradiesgasse heißt nach dem Haus „Zum Paradies“. Warum Paradies? „Da gibt es natürlich aufregende Spekulationen, aber sie ließen sich leider nicht verifizieren“, merkte Petershagen im gut gefüllten Saal des Stadtarchivs trocken an.

Gang und gäbe war die Benennung nach Wirtshäusern. Nicht dass in grauen Vorzeiten ein Wal in der Walfischgasse gesichtet wurde – die Gasse hat ihren Namen von der Gaststätte „Zum Walfisch“. Und in der Hirschstraße war das vornehme Gasthaus „Zum Goldenen Hirsch“. Ja, Ulm hatte nicht nur Wirtshäuser an jeder Ecke, sondern auch viele dazwischen. Fast ein Viertel der Altstadtstraßen verdankten ihren Namen einer Gastwirtschaft, sagte der Historiker. „Das ist ein beeindruckender Indikator für die Ulmer Kneipendichte.“

Ein Gutteil der Straßennamen basiert auf historischen Flurnamen: so das „Lehle“ in Böfingen. „Le“ ist das althochdeutsche Wort für Hügel, damit auch für Grabhügel. 2003 ist dort in der Tat ein allamannisches Gräberfeld entdeckt worden. Oder die Breitegasse. Der Name sagt nichts über das Ausmaß aus, er geht auf die Flurnamen „Auf der Breite“ zurück. Die Griesgasse hat nichts mit dem Brei zu tun, sondern mit dem sandigen Untergrund der östlichen Altstadt. Üblich war es auch, die Gassen nach bekannten Menschen zu benennen, die dort wohnten. Was allerdings den Nachteil mit sich brachte, dass nach dessen Tod die Straße umbenannt wurde. Beispiel: Deinselsgasse. Sie hieß Gremlinger Gässlin, Grimmingers Gäßlin, Schnecklins Gäßle, Settelens Gäßle und Röttelins Gäßle – immer benannt nach Anwohnern.

Und der indirekte Bezug? Damit sind Straßennamen gemeint, die einem ganz bestimmten und begrenzten Zeitraum zuzuordnen sind: Karl- und Olgastraße, benannt nach König Karl und Königin Olga, bezeichnet Petershagen als „Huldigungsnamen“. Sie wären heute nicht mehr möglich, damals, 1864, war es angebracht, das Königspaar zu ehren.

Dass es in Wiblingen eine Karlsstraße gibt, hat freilich einen viel banaleren Grund: In dieser Straße wohnten vier Männer, die mit Vornamen Karl hießen.

Info Das Buch „Ulms Straßennamen. Geschichte und Erklärung“ umfasst 224 Seiten und ist im Stadtarchiv und im Buchhandel für 24 Euro erhältlich.

Zugunsten der Aktion 100 000

Vortrag Was bedeuten Straßennamen wie „Hinter dem Brot“,  „Lautengasse“ oder „Schwilmengasse“? Was haben sie mit der Geschichte Ulms zu tun? Diese Fragen beantwortet Henning Petershagen in einem Lichtbilder-Vortrag am Sonntag, 11. Dezember, 11 Uhr in der Galerie der SÜDWEST PRESSE, Olgastraße 129.