Ulm Brückenbau mit Bauchweh

Die Steinerne Brücke in Regensburg? Steinern schon, aber in Ulm. Das ist die Neue Donaubrücke von 1912, an deren Stelle die Gänstorbrücke folgte. Archivfoto
Die Steinerne Brücke in Regensburg? Steinern schon, aber in Ulm. Das ist die Neue Donaubrücke von 1912, an deren Stelle die Gänstorbrücke folgte. Archivfoto
Ulm / JAKOB RESCH 28.06.2012
Einen eleganten schlanken Bogen schlägt die Gänstorbrücke heute über die Donau. Ihr Vorgängerbau hatte noch drei majestätische Bögen. Vor 100 Jahren wurde er für den Verkehr freigegeben.

Die Feier ging über zwei Tage, sah 20 000 Gäste und trug geradezu staatstragende Züge: So wurde die Schwörglocke geläutet, ein Massenchor der Gesangvereine trat auf, es gab einen historischen Festzug, ein Fischerstechen und ein Volksfest in der Au - und all das für eine Brücke: Vor 100 Jahren wurde die Neue Donaubrücke am Gänsturm für den Verkehr freigegeben, wo bis dahin nur eine Donaufähre verkehrte.

Als neben der Herdbrücke zweite Donaubrücke - abgesehen von der Eisenbahnbrücke - sollte sie die zunehmenden Verkehrsströme auffangen und Ulm und Neu-Ulm besser verbinden. So trafen sich am 1. Juli 1912 in der Brückenmitte die Stadtoberhäupter Heinrich Wagner und Josef Kollmann; doch die Stimmung war trotz des ganzen Pomps alles andere als Friede, Freude, Eierkuchen.

Schon Wagner schlug für Ulm zurückhaltende Töne an, als er ausführte, dass die Ludwig-Wilhelm-Brücke von 1832, die spätere Herdbrücke, den erhofften Aufschwung für die beiden Städte nicht gebracht habe. Obwohl sie ja die Namen der Könige von Bayern und Württemberg trug! Kollmann ließ für Neu-Ulm dann die Katze aus dem Sack, man habe "nur mit schwerem Herzen" mitgezogen, "in der Hoffnung, daß die deutschen Herzen . . . auch eine weitere Überbrückung der Interessengegensätze . . . hiedurch gewinnen". Die Stadt Neu-Ulm habe dennoch "mit Unterstützung des bayerischen Staates und der schwäbischen Kreisregierung diese neue Brücke bauen helfen".

Naja, die Wahrheit war, dass sie selbst keine müde Mark für das Projekt aufbrachte. Die Neu-Ulmer befürchteten, dass die praktische Brücke Kaufkraft von der Stadtmitte in die Ulmer Unterstadt abziehe und den Verkehr überhaupt um Neu-Ulm herum leite. Zu den Kosten trugen dann Württemberg, Bayern und der Kreis Schwaben bei, über die Hälfte blieb aber an Ulm hängen, das schon die Baugrunduntersuchungen komplett bezahlt hatte und nun auch für den Bau der Zufahrt auf Neu-Ulmer Seite aufkam.

Schon die Vorgeschichte war ein wenig schleppend verlaufen. 1879 wurde zunächst der Bau eines eisernen Stegs am Gänstor genehmigt, für den noch Brückenzoll erhoben werden sollte; er wurde nie verwirklicht, der Straßenname "Am Steg" erinnert in Neu-Ulm aber heute noch an ihn. Mit dem Aufbrechen der Bundesfestung verständigten sich die Städte 1899 auf eine "abgabenfreie Fahrbrücke", doch: keine Brücke ohne Zufahrten. In Ulm stand noch das alte Festungsgefängnis im Weg (das dann in die Friedrichsaustraße verlegt wurde), in Neu-Ulm das königliche Rauhfuttermagazin, das aber für die Sache glücklicherweise abbrannte, so dass 1910 mit dem Bau begonnen werden konnte.

Dann allerdings schritt die Stadt Ulm mit allem Nachdruck zur Tat, so dass die Bauarbeiten nach 21 Monaten abgeschlossen waren und OB Wagner den weiteren Kurs vorgab: "Flinke Dampfer möchten bald unter den Bögen dieser neuen Brücke hindurch in die Ferne ziehen." Tatsächlich kam im Oktober ein Motorschiff des Flussbauamts aus Regensburg die Donau hoch und im Juli 1913 das Motorschiff "Bayern", um am Schwal festzumachen. Tatsächlich wälzte Neu-Ulm Pläne für ein Hafenbecken in Offenhausen - und gewann alles in allem insofern doch noch durch den Brückenbau, als die Stadterweiterung mit großstädtischem Abschluss am Augsburger-Tor-Platz nun richtig Sinn machte.

Die Brücke selbst aber ging unter wie alle anderen in der Donaudoppelstadt auch: Zurückweichende deutsche Truppen sprengten sie am 24. April 1945. Amerikanische Pioniere bauten dafür eine Holzbrücke als Ersatz, Ende 1950 stand dann die neue Gänstorbrücke, in den Widerlagern der alten verankert. In Spannbetonbauweise mit einem einzigen Bogen ausgeführt, wurde sie als technisches Meisterwerk gefeiert - und denkbar schlicht eröffnet: Bauarbeiter trieben als Hirten verkleidet Gänse über die Brücke.

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