Verhaftung Verwandte dürfen inhaftierte Journalistin Mesale Tolu nicht besuchen

Mesale Tolu aus Ulm sitzt derzeit in einem Gefängnis in der Türkei.
Mesale Tolu aus Ulm sitzt derzeit in einem Gefängnis in der Türkei. © Foto: facebook
Neu-Ulm / Christoph Mayer 12.05.2017

Seit 14 Tagen hat Hüseyin Tolu keinen Kontakt mehr zu seiner Schwester. „Die letzte Nachricht war ein Anruf der türkischen Polizei aufs Handy meines Vaters. Das war am 30. April um halb sieben Uhr morgens. Da hieß es: Wir haben ihre Tochter verhaftet. Ihr Enkel ist bei Nachbarn untergebracht worden“, erzählt der 35-jährige Familienvater aus Neu-Ulm, der mit einer Deutschen verheiratet ist.

Hüseyin Tolu machte sich noch am selben Tag nach Istanbul auf. Schon wegen des kleinen Serkan, der Ende 2014 in der Donauklinik  zur Welt kam und brutal von seiner Mutter getrennt worden war. Seine Schwester bekam er nicht zu Gesicht. Der kleine Bub wird mittlerweile von seinem Opa betreut, der ebenfalls nach Istanbul reiste und dort übergangsweise in der Wohnung  seiner Tochter lebt.

In diese Wohnung war am frühen Morgen des 30. April ein Sondereinsatzkommando der türkischen Polizei eingedrungen.  Offenbar mit brachialer Gewalt, wie Bilder einer zerstörten Tür und durchwühlter Schränke zeigen, die der Solidaritätskreis „Freiheit für Mesale Tolu“ veröffentlicht hat. Vorwurf der türkischen Behörden: Die 33-Jährige habe als Journalistin und Übersetzerin „Terrorpropaganda“ betrieben.

Ihr Bruder Hüseyin nennt das „absurd“. Zwar sei seine Schwester politisch links eingestellt und habe in Istanbul zuletzt für die  sich der türkischen Zensur nicht beugende Nachrichtenagentur Etha gearbeitet. Doch eine tragende Figur sei sie nicht gewesen. „Sie hat Texte übersetzt.“

Es sei völlig unklar, was der jungen Frau vorgeworfen werde, sagt Baki Selcuk, Sprecher des Solidaritätskreises. Möglicherweise sei Tolu ins Visier der Behörden geraten,  weil sie an einer Beerdigung zweier politischer Aktivistinnen teilgenommen habe, die von der Polizei erschossen worden seien. Das Schlimmste: Seit der Festnahme und der Einweisung ins Istanbuler Frauengefängnis am 6. Mai habe sie keinen Besuch bekommen dürfen – nicht mal von Verwandten. Dem (türkischen) Anwalt Tolus sei bislang jeglich Akteneinsicht verwehrt worden.

Selcuk, im Hauptberuf Betriebsratsvorsitzender in einer Berliner Klinik, berichtet, dass es in der Nacht zum 1. Mai viele Festnahmen gegeben habe: vor allem, um kritische Medien auszuschalten,  die zu von der Regierung nicht genehmigten Mai-Demonstrationen aufgerufen hätten.

Man sei erst so spät an die Öffentlichkeit, um nicht unnötig Porzellan zu zerschlagen, sagt Selcuk. „Wir haben natürlich gehofft, dass sie schnell wieder frei kommt.“ Doch spätestens seit der richterlich verfügten Gefängniseinweisung sei davon nicht mehr auszugehen. Tolus Mann Suat Corlu sitze ebenfalls in Haft. Der Journalist sei am 5. April in Ankara festgenommen worden.

Von Demokratie nichts übrig

Selcuk fordert die Bundesregierung auf, alles Erdenkliche für die Freilassung der Neu-Ulmerin sowie der zahlreichen weiteren mehr als 150 in der Türkei inhaftierten Journalisten zu unternehmen. „Deutschland unterstützt die Türkei weiterhin militärisch, wirtschaftlich und politisch. Das ist ein Skandal, denn von Demokratie ist in diesem Land nichts mehr übrig.“

Hüseyin Tolu sagt, er habe sich bei seinem Kurzaufenthalt in der Türkei wie in einem Polizeistaat gefühlt. „Überall schwer bewaffnete Polizei.“ Er ist unglücklich, seiner Schwester nicht helfen zu können. „Sie hat ja nichts bei sich.“ So bleibt ihm nur ein Appell an die türkische Regierung: „Lasst meine Schwester frei.“

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Pendeln zwischen Neu-Ulm und Istanbul

Lebenslauf Mesale Tolu ist 1984 in Ulm geboren. Sie ging auf die Spitalhofschule und dann ans Anna-Essinger-Gymnasium, wo sie 2003 ihr Abitur machte. Anschließend zog sie nach Frankfurt und studierte dort Uni Ethik und Spanisch auf Lehramt für Gymnasien. 2007 erhielt sie die deutsche Staatsbürgerschaft und gab ihren türkischen Pass ab.

Engagement Tolu engagierte sich in Deutschland politisch, unter anderem beim Bund sozialistischer Frauen und der Förderung der Arbeitsmigranten in Deutschland (AGIF). Nach der Geburt ihres Sohnes zog sie mit ihrem Ehemann (der bis zu seiner Verhaftung ebenfalls als Journalist arbeitete) nach Istanbul. Dort arbeitete sie freiberuflich für die türkische Nachrichtenagentur Etkin Haber Ajansi. Sie pendelte bis zu ihrer Verhaftung regelmäßig zwischen Neu-Ulm und Istanbul. „Etwa die Hälfte des Jahres verbrachte sie hier“, erzählt ihr Bruder Hüseyin.

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