Britax Britax Römer streicht eine von zwei Schichten

Entwicklungschef Richard Frank erläutert die Versuchsanordnung beim Crash-Test: Der Metallschlitten mit dem Dummy wird über Gummiseile gespannt und gegen den Auffangblock gefahren, hier für einen Seitwärtsaufprall.
Entwicklungschef Richard Frank erläutert die Versuchsanordnung beim Crash-Test: Der Metallschlitten mit dem Dummy wird über Gummiseile gespannt und gegen den Auffangblock gefahren, hier für einen Seitwärtsaufprall. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / FRANK KÖNG 16.10.2014
Britax Römer betrachtet sich als Marktführer bei Autokindersitzen in Deutschland. Es bleibt dennoch bei Plänen für einen umfangreichen Personalabbau.

Der Hersteller von Kindersitzen und Kinderwagen Britax Römer erneuert seine Produktlinien und bereitet sich mit modernen Testverfahren auf neue technologische Anforderungen vor. Gleichzeitig steht das Unternehmen, das zur britischen Britax Childcare gehört, vor einem schmerzhaften Personalabbau in Ulm. Das Management will 34 Kündigungen aussprechen, außerdem werden Leiharbeiter und geringfügig Beschäftigte abgebaut: wie berichtet mehr als 100 Stellen.

Betriebsratsvorsitzende Daniela Fromm sagte auf Anfrage, Grund für den Abbau sei der Verzicht auf die zweite Schicht. Die Stimmung im Betrieb an der Blaubeurer Straße sei entsprechend schlecht: "Die Leute sind besorgt." In der Produktion sind viele Frauen tätig, der Frauenanteil beträgt 70 Prozent. Gesamte Stammbelegschaft: 430 Mitarbeiter, davon 250 in der Produktion.

Aus Sicht der Betriebsratsvorsitzenden sind die Kündigungen entgegen der Absicht der Geschäftsleitung nicht bis November umsetzbar. Der elfköpfige Betriebsrat hat zunächst einen Fachanwalt hinzugezogen, um auf Augenhöhe über Interessenausgleich und Sozialplan zu verhandeln. Teil des Angebots der Firma ist eine Transfergesellschaft, die gekündigte Mitarbeiter für die doppelte Zeit ihrer Kündigungsfrist auffangen soll. Daniela Fromm zeigt einerseits Verständnis, dass Britax Römer durch Wettbewerber mit mehr Billigproduktion in Asien unter Druck gerät. Es seien aber auch "handwerkliche Fehler im Management" gemacht worden.

Bei einem "Open Day" für Journalisten wurde gestern nochmal klar, dass der Standort Ulm eine wichtige Produktionsstätte für Britax ist: mit jährlich einer Million Autokindersitzen und Fahrradsitzen. Die Produktion erfolgt an Fertigungsinseln - derzeit in zwei Schichten. Es handelt sich um eine Endmontage, die Vorprodukte wie Kunststoffschalen werden zumeist von regionalen Zulieferern hergestellt. Nach der Fertigstellung gehen die Sitze über ein Zwischenlager zu den Händlern, allein in Deutschland sind es nach den Worten von Marketingchefin Julia Landgraf etwa 1500. Sie bezeichnete Britax Römer als Marktführer bei Autokindersicherheitssitzen im deutschsprachigen Raum.

Bei den Kindersitzen gibt es zehn Plattformen, mit vielfach neuen Ausführungen und in neuem Design. Dazu kommen 18 Plattformen für Kinderwagen, die Britax Römer erst relativ neu im Programm hat und die in Asien gefertigt werden. Die Kindersitze kommen überwiegend aus den europäischen Werken, auch aus Andover (England). An den Standorten Ulm und Andover hat Britax Testanlagen installiert, die auch zum Nachweis der gesetzlichen Anforderungen an Kindersitze dienen. Auf der Crash-Strecke in Ulm werden Dummy-Puppen, die Kinder in mehreren Lebensaltern darstellen sollen, mit verschiedenen Geschwindigkeiten in den Sitzen gegen einen Auffangblock gefahren. Dabei wird auch der Seitenaufprall simuliert. Spezialkameras halten den Crash fest, in den bis zu 120 000 Euro teuren Dummies sind zudem Mess-Sensoren eingebaut.

Wechselvolle Geschichte

Eigentümer Britax Römer gehört über

Britax Childcare zum Finanzinvestor Nordic Capital, der den Umsatz zuletzt mit 370 Millionen Euro bezifferte. Vor Nordic war Britax in den Händen zwei weiterer Finanzinvestoren. Römer wurde 1872 in Ulm als Hersteller von Militärhelmen gegründet, fertigte später Motorradhelme und wurde 1971 von Wingard in England gekauft.

SWP

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