Den einen geht es ums Geld, den anderen um ihre Lebensqualität: Einig sind sich die zuständige Hausverwaltung und ein Teil der Wohnungseigentümer im Universum Center Ulm aber darin: Es ist komplett daneben, dass die Balkone – vor allem die, die 1,90 Meter breit sind – nur als Fluchtweg gelten und man nicht einmal einen Terracotta-Blumentopf stehen lassen darf.

Wie bereits berichtet, sollen die umlaufenden Balkone gar keine im eigentlichen Sinne sein. „Vielmehr sind sie in der Baugenehmigung des Gebäudes als Fluchtwege deklariert und Teil des Brandschutzkonzeptes“, sagt Peter Rimmele, Leiter des Ulmer Baurechtsamtes. Das sei die rechtliche Grundlage. In der Praxis sieht das so aus: Die 70 Zentimeter breiten Korridore auf der Süd-und Nordseite des Universum Centers und auch die 1,90 Meter breiten auf der Ost-und Westseite müssen „von Brandlast“ befreit werden. Darunter fällt alles: Möbel, Sonnenschirm, Wäscheständer und Terracottatopf.

Hausverwaltung des Universum Centers ignoriert rechtliche Grundlage

Weil Hausverwaltung und Eigentümer diese rechtliche Grundlage aber ignoriert haben und sich auch nach „wiederholten Ermahnungen in den vergangenen Jahren und zuletzt dem Verstreichen einer Frist nichts änderte“, wie Rimmele sagt, wurde ein Zwangsgeld verhängt: 20 000 Euro – zu zahlen von der Hausverwaltung.

Diese hat jedoch Widerspruch eingelegt. Nun prüft das Regierungspräsidium Tübingen als Aufsichtsbehörde der Kommunen, ob das Zwangsgeld von der Stadt berechtigter Weise erhoben worden ist. Man habe zuvor versucht, mit der Stadt eine Lösung zu finden, teilt der für das Universum Center zuständige Mitarbeiter der Hausverwalter auf Anfrage mit.

Eigentümer wussten nicht, dass Balkone Fluchtwege sind

Aber: Die Behörde sei nicht einmal bereit, auf den breiten Balkonen zumindest kleinere Gegenstände an nicht störenden Stellen zu akzeptieren. Käme es zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung wäre unter anderem zu klären, ob die Hausverwaltung für das Umsetzen der städtischen Anordnung (die Balkone frei zu räumen) zuständig ist, oder nicht. „Die Balkone gelten als Sondereigentum. Wir können da ohne Klage auf Zutritt und Räumung nicht hinein“, argumentiert sie. Dazu sagt Rimmele mit Hinweis auf die Prüfung nichts.

Umso mehr aber der eine oder andere Eigentümer: „Ich wohne seit 1996 dort und habe nicht gewusst, dass es Fluchtwege sind“, sagt eine 54-Jährige. Das gehe den meisten so: „In den Exposés zum Kauf der Wohnungen war stets zu lesen: ,mit Balkon’.“ Schließlich hätten die Wohnungen auch Balkontüren: Wozu seien die dann gut? Und: dass Fluchtwege 1,90 Meter breit sein müssten, davon habe noch niemand gehört. Und: „Die Balkone sind Sondereigentum, wir zahlen dafür – wozu eigentlich, wenn wir sie nicht nutzen können?“

Eigentümer des Universum Center nehmen sich Anwälte

Ein weiterer Eigentümer, der seit mehr als zehn Jahren dort wohnt, sagt: „Ich habe einen Anwalt genommen.“ Entweder die Stadt habe unrecht und der breite Korridor könne auch als Balkon genutzt werden. Oder: „Die Hausverwaltung hat jahrelang zu Unrecht Nebenkosten kassiert.“ Denn der Balkon sei dazu gerechnet worden. Und noch ein Ehepaar will ebenfalls rechtlichen Beistand suchen: „Der Balkon ohne Blumen – was soll das?“ Das sei doch alles absurd, meint die Frau, die vor Ärger nicht mehr schlafen kann.

Eigentümerin Petra Hartmann sieht das Ganze gelassener: „Ich wohne im 15. Stock, da kann ich sowieso nichts stehen lassen wegen des Windes.“ Sie fände die Anordnung nicht gut, aber sie sehe ein, dass der Brandschutz gewährt sein müsse. „Wenn es brennt, bin ich froh um solche Schutzmaßnahmen.“Bei allem Ärger: Ganz müssen die Bewohner nicht auf ihr Freiluftvergnügen verzichten. Wie bereits berichtet, können die Balkone möbliert und genutzt werden. „Nur, wenn man die Wohnung verlässt, muss frei geräumt sein“, sagt Rimmele.

Begehungen durch die Feuerwehr


Bestimmungen: Alle fünf Jahre kontrolliert die Feuerwehr in Hochhäusern, ob der Brandschutz eingehalten wird. Nach Angaben der Stadt hat es bereits des öfteren Beanstandungen im Universum Center Ulm gegeben. Zuletzt, als es im Juni vergangenen Jahres gebrannt hatte.