Ulm Boutique "Rabe" bringt Hauptstadt-Chic in die Provinz

Ulm / CHRISTINE LIEBHARDT 10.03.2012
Ulm ist nicht gerade als Nabel der Modewelt bekannt. Berliner Flair und individuelle Kleidung von jungen Designern findet man trotzdem: Der "Rabe" bietet deutsche Mode und Café-Atmosphäre.

Elke Kastner mag Menschen. Menschen, die zu sich selbst stehen und die keine Schablonen einhalten. Die 42-jährige Inhaberin der Boutique Rabe in der Ulmer Altstadt findet: "Jeder hat seine Eigenheiten, und die sollte man unterstreichen - auch, wenn sie ein wenig schrullig sind." Deshalb ist die Mode, die man bei der quirligen Frau mit den grünen Augen kaufen kann, ebenso eigenwillig wie die Frauen, von denen sie getragen wird. Auf einen bestimmten Stil wollte Elke Kastner ihre Boutique in der namensgebenden Rabengasse nie festlegen. Neben fest integrierten Marken nimmt "Frau Rabe", wie sie sich selbst augenzwinkernd nennt, denn auch wechselnde Gastdesigner in ihrem Sortiment auf.

"Hier gibt es ganz viele verschiedene Stilrichtungen, so dass man auch mal ein Kleid anprobieren kann, das man normalerweise nie anziehen würde," erläutert sie das Konzept ihrer Boutique. Beispielsweise ein anthrazitfarbenes von "Nix", einem Berliner Label: "Ein fast schon erotisches Kleid mit einem wahnsinnig anschmiegsamen Innenfutter." Nix folge zwar einer klassisch-klaren Linie, sei aber keineswegs konservativ. Das Label richtet sich an berufstätige Frauen, die sich schick, aber ein klein wenig unkonventionell kleiden wollen.

Ebenfalls aus Berlin kommt die verspielt-bunte Retromode von "Lucid 21". All das, worauf Nix bewusst verzichtet, bietet dieses Label im Überfluss: Fotoprints, Rüschen, niedliche Tiere oder 30er-Jahre-Pünktchenkleider mit geklöppeltem Spitzenkragen. Mode, die man laut Elke Kastner mit einer gewissen Ironie tragen muss: "Zum Satin-Top gehört die Röhrenjeans, sonst wirkt es bieder."

Regelmäßig fährt sie nach Berlin oder Düsseldorf, begutachtet neue Kollektionen und sucht passende Stücke für ihren Laden aus. 90 Prozent der Kleidung im Raben stammen von deutschen Designern, die Preise bewegen sich im mittleren Segment. Darauf legt die Inhaberin wert: "Bei mir bekommt man für 80 Euro einen Rock, der tatsächlich in Deutschland hergestellt wurde."

Die Mode ist das eine, die Geselligkeit rund um die Ladentheke das zweite charaktergebende Element des kleinen Geschäfts. "Manchmal gehts hier zu wie im Café", sagt die Inhaberin. Es sind nicht nur die schicken Röcke, Kleider und Jacken, die die Kundschaft anlocken: Viele kommen auch vorbei, um Dackelmischling Strolchi zu streicheln. Die Hundedame ist schon fast so etwas wie eine Institution in der Rabengasse. Und wenn nicht zu viel los ist, serviert die Chefin auch mal einen Espresso. "In Ulm brauchts echt einen Laden, wo das Einkaufen Spaß macht."

Die familiäre Atmosphäre wissen ihre Kunden zu schätzen. Seit zwei Jahren gibt es den Raben jetzt. Die Idee für den Laden hatte Elke Kastner, nachdem im Urlaub ihr alter VW-Bus ausgebrannt war. "Strolchi konnte ich zum Glück retten, aber alle meine Lieblingsklamotten waren weg." Für sie war es der richtige Zeitpunkt, den lang gehegten Traum von der eigenen Boutique zu verwirklichen. Inzwischen hat sie sich eine Stammkundschaft erarbeitet. Leicht war das nicht. "Das erste halbe Jahr sitzt man im Laden, und es regnet." Da sei dann Durchhaltevermögen gefragt. Abseits der großen Einkaufsstraßen ist der Rabe nicht auf dem Radar der Laufkundschaft. "Dafür laufen hier die richtigen Leute. In der Hirschstraße würde dieser Laden nicht funktionieren." Ihre Kundinnen bezeichnet Elke Kastner als "Frauen mit Ausstrahlung, die nicht plakativ auftreten wollen." Die aber auch genau wissen, was sie wollen: "Es ist so schön, etwas Einzigartiges zu bekommen. Solche Berliner Läden gibt es ja kaum in Süddeutschland", sagt eine junge Frau, die gerade einen ausgestellten schwarzen Rock mit einem mittig aufgesetzten, gerafften Tuxedo-Streifen in der Mitte bezahlt.

Einzigartig sind auch die selbstgeschneiderten Handtaschen und Kosmetiktäschchen, die Elke Kastner unter ihrem eigenen Label "Unverstand" verkauft. Wenn im Laden gerade weniger zu tun ist, sitzt sie an der Nähmaschine. Für die bunten Beutel verwendet sie vor allem asiatische Stoffe oder recycelt Frottee-Handtücher aus den 70er Jahren. "Aber das ist ein Spaß nebenher, finanziell lohnt sich das kaum."

Ohnehin hat sie gerade keine Zeit zum Nähen: Frau Rabe muss die neu eingetroffenen Kollektionen bügeln und aufhängen.