Borderline Borderline: Eine Betroffene berichtet

Die Emotionen schwanken zwischen Extremen: von Himmel hoch jauchzend bis zu Tode betrübt.
Die Emotionen schwanken zwischen Extremen: von Himmel hoch jauchzend bis zu Tode betrübt. © Foto: Ikon Images Getty Images
Ulm / Sandra Kolb 17.02.2018
Jeden Tag erlebt Emily Gefühlsschwankungen. Eine Herausforderung für ihre Beziehung.

Wenn die innere Spannung zu groß war, griff Emily (Namen geändert) nach spitzen Gegenständen, um sich selbst zu verletzten. Es war kein Hilferuf, deswegen schnitt sie sich nie an den Armen – keiner sollte ihre Wunden sehen. Es war der einzige Weg, die Spannung zu lösen. „Wenn das Blut kam, hatte ich das Gefühl, dass es reinigt“, sagt sie. Danach kam die Erschöpfung, „eine wohlige Entspannung“.

Emily sitzt entspannt am Tisch, ihre Hände liegen gefaltet in ihrem Schoß. An ihrer Seite sitzt Jonas, er ist seit einem Jahr ihr Freund. Die 28-Jährige spricht  offen über ihre Krankheit, versucht, ihre Gefühle zu beschreiben, um andere aufzuklären. Denn Emily leidet unter der Borderline Persönlichkeitsstörung (BPS), einer psychischen Erkrankung, bei der die Emotionsregulation schwer gestört ist. Die Diagnose hat sie vor vier Jahren bekommen – mit den Symptomen lebt sie aber schon seit ihrer Jugend.

Wenn Gefühle explodieren

Seit sie ein Teenager ist, leidet  Emily unter starken Stimmungsschwankungen. Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt, nannte es ihre Mutter. Dieses Symptom von Borderline erschwert zwischenmenschliche Beziehungen massiv. „Es ist oft nicht einfach“, sagt Jonas. Zu Beginn der Beziehung erzählte Emily ihm von ihrer Erkrankung. Der 32-Jährige hatte mit Borderline zuvor nie zu tun gehabt: „Wenn meine Ex-Freundin Stimmungsschwankungen hatte, ging das schnell wieder vorbei. Aber bei Emily ist das etwas anderes.“ Manchmal reicht eine unbedachte Aussage von ihm, und Emily ist tief verletzt. „Es schwenkt schnell vom Idealisieren des Partners in richtigen Hass um“, erklärt sie, „ich kann dann nur schwer einschätzen, ob ich überreagiere.“ Jonas ist noch dabei zu lernen, wie er sich in solchen Momenten verhalten soll: „Wenn sie innerlich brennt, so richtig in Flammen steht, dann bin ich nicht das Wasser, sondern das Benzin. Dann explodiert das Ganze richtig.“ Er nimmt Emilys Hand. „Aber ich weiß inzwischen, dass sie viel Verständnis und Zuverlässigkeit von mir braucht.“

Wie viele Borderline-Betroffenen leidet Emily unter einer ständigen inneren Anspannung. „Sie ist immer da, und oft weiß ich nicht warum. Es ist nicht wie eine nervöse Anspannung, die wieder vorbei geht.“ Als junges Mädchen versuchte sie sich durch Sport, Zeichnen oder Schreiben Luft zu machen – wenn das nicht half, ritzte sie sich. Oft bekam sie von anderen zu hören, dass sie sich nicht so anstellen solle. „Ich wusste gar nicht, welche Gefühle mir eigentlich noch zustehen.“ Mit 18 war sie in einer Beziehung, in der sie sich von ihrem Partner abhängig machte, aus Angst verlassen zu werden. Sie fühlte immer mehr eine innere Leere, ihre Gedanken kreisten lange darum, sich das Leben zu nehmen.

Die Diagnose – eine Erlösung

Schließlich vertraute sie sich einem Therapeuten an, der eine Depression diagnostizierte. Erst einige Jahre später sprach eine andere Therapeutin erstmals von Borderline. Emily informierte sich über die Persönlichkeitsstörung, las Bücher, Artikel, und vieles machte auf einmal Sinn. „Es war eine richtige Erlösung, zu wissen, was eigentlich mit mir los ist.“ Trotzdem: Es fiel ihr schwer, sich die Diagnose einzugestehen. Oft ist der Auslöser von Borderline Missbrauch oder Gewalt in der Kindheit – Emily, als jüngste von drei Kindern auf dem Land aufgewachsen, beschreibt ihre Kindheit als glücklich. So ließ sie sich immer wieder einreden, dass sie doch nicht krank sein könne. „Natürlich habe ich mir viele Gedanken gemacht, warum ich Borderline habe. Vielleicht war es das Überbehütetsein, aber im Vertrauen in meine eigenen Gefühle wurde ich nicht bestärkt.“

Langsam lernte sie zu akzeptieren und mit ihren Gefühlen umzugehen. „Wenn die Anspannung zu groß wird, kann ich zum Beispiel eine Ammoniakampulle zerbrechen und daran riechen. Der Geruch ist echt heftig und reißt mich aus der Anspannung“, erklärt sie. Oder sie schnipst sich ein Gummiband auf die Haut – die Anspannung wird dann in Schmerz umgelenkt. Fühlt sie sich am Arbeitsplatz angegriffen, versucht sie ihre Gefühle zu unterdrücken. Das hat sie über die Jahre gelernt. „Hat eine Arbeitskollegin schlechte Laune, beziehe ich das auf mich. Ich denke dann, dass ich etwas falsch gemacht habe“, sagt Emily.

Ihre Arbeit als Krankenschwester will Emily nicht aufs Spiel setzen. Sie gibt ihr Struktur im Alltag, es macht ihr Spaß. Sie hat dort aber niemandem von ihrer Erkrankung erzählt. „Ich will nicht wie ein rohes Ei behandelt werden.“

Seit einigen Monaten besuchen Emily und Jonas die Treffen der Borderline-Selbsthilfegruppe Ulm/ Neu-Ulm. Für Emily ist es eine Erleichterung, sich mit Menschen auszutauschen, die fühlen wie sie. Für Jonas ist es eine Stütze, andere Angehörige zu treffen. „Es nimmt mich schon emotional mit. Durch die Treffen verstehe ich die Krankheit und das Verhalten von Emily besser.“

Infoveranstaltung am Dienstag

Veranstaltung Am Dienstag, 20. Februar, 19 Uhr, veranstaltet die Borderline-Selbsthilfegruppe Ulm/Neu-Ulm einen Infoabend in der Stadtbücherei in Neu-Ulm. Dr. Zrinka Sosic-Vasic spricht in einem Vortrag über Probleme und Symptome der Störung. Auch Betroffene und Angehörige werden über Borderline sprechen.

Hilfe Die Borderline-Selbsthilfegruppe Ulm/Neu-Ulm trifft sich jeden ersten und dritten Mittwoch im Monat um 18 Uhr im Gemeindepsychiatrischen Zentrum in Ulm. Informationen unter: selbsthilfegruppe-bordis-ulm.de und grenzgaenger@selbsthilfegruppe-bordis-ulm.de oder telefonisch unter 0157-80908756. Weitere Anlaufstellen in Ulm sind die Psychiatrische Institutsambulanz, Tel.: (0731) 500 61 500 und die Psychotherapie Ambulanz, Tel.: (0731) 500 61 595. Ein erster Schritt ist auch ein Gespräch mit dem Hausarzt.