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NSU
Laichingen / WILLI BÖHMER  Uhr
Was steckt hinter dem Mord am Laichinger Blumenhändler? Auch 17 Monate nach der Bluttat sind die Hintergründe unklar. Es gibt keinen Hinweis auf eine Verbindung zu den Morden der NSU. Aber Parallelen.
Vor dem Oberlandesgericht in München hat am Montag der Strafprozess gegen die mutmaßlichen Helfer oder auch Mittäter der Mörder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) begonnen. Der Hauptangeklagten  Beate Zschäpe  wird vorgeworfen, zusammen mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die sich selbst erschossen, unter anderem zehn Morde begangen zu haben. Opfer waren vor allem in Deutschland lebende Türken, ein Grieche und die in Heilbronn erschossene Polizistin.

Verbindungen dieser Morde zu der nach wie vor ungeklärten Bluttat am Laichinger Blumenhändler, einem Kurden, am 4. Oktober 2011 sieht die Staatsanwaltschaft Ulm nicht. Die Ermittlungen hätten keinerlei Hinweise darauf ergeben, sagt Leitender Oberstaatsanwalt Christoph Lehr. „Aber wir können das auch nicht völlig ausschließen.“ Lehr geht davon aus, dass die Recherchen der Ankläger bis Ende Mai abgeschlossen sein werden. Aus heutiger Sicht spreche vieles dafür, dass es sich um eine Tat aus dem Umfeld der Familie handelt. Klare Hinweise auf den oder die Täter gebe es jedoch auch heute nicht.

Dass es Parallelen gibt zu den NSU-Morden, hatte dazu geführt, dass auch die Bundesanwaltschaft eingeschaltet worden waren, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt. Die Morde der rechten Terrorgruppe waren ähnlich präzise und schnell ausgeführt worden. Auch wegen einiger Ermittlungspannen ging die Polizei davon aus, dass es sich um Beziehungstaten oder um Racheakte aus einem türkischen Milieu handelte. An Morde aus dem rechtsextremen Lager, motiviert durch Ausländerhass, glaubte keiner.

Auch der Mörder des Laichinger Blumenhändlers schlug am 4. Oktober 2011 eiskalt zu. Er wartete am frühen Morgen, gegen 4 Uhr, auf dem Heimweg des 44-jährigen Mannes. Nicht weit weg vom Blumenladen erschoss er den Mann, der schon lange in Laichingen lebte, und verschwand spurlos. Obwohl die Helfer des Blumenhändlers die Schüsse hörten und um die Ecke rannten, beteuerten alle, sie hätten keine Verdächtigen gesehen.

Gegen eine Verbindung zu den NSU-Taten spricht, dass eine andere Mordwaffe benutzt wurde als die, mit denen die rechtsextremen Mörder schossen. Und dass das Opfer angeblich bereits vor der Tat davon sprach, dass es in Todesgefahr schwebe. Offensichtlich hatte er Drohungen erhalten. Die NSU-Opfer waren aber ausgespäht und ohne Vorwarnung getötet worden. Auch in den hochspezialisierten Labors des Landeskriminalamtes wurden keine Spuren entdeckt, die auf die rechtsextremen Täter hingedeutet hätten. Und im langjährigen Unterschlupf von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt gab es keine Hinweise auf den Laichinger Mord.

Auf der anderen Seite: Ein Blumenhändler „aus der Nähe von Ulm“ war auch im Gespräch gewesen, das Geschäft des Blumenhändlers Enver Simsek zu übernehmen, erzählt dessen Tochter Semiya Simsek in ihrem Buch „Schmerzliche Heimat“. Enver Simsek war das erste Opfer der NSU-Mörder, er starb am 9. September des Jahres 2000 in Nürnberg. Ob es sich bei dem potenziellen Geschäftspartner aus der Ulmer Umgebung um den Laichinger Blumenhändler handelte, ist unklar. Aber die Parallelen sind erstaunlich.

Vielleicht sind es Zufälle, wie Kriminalisten sie immer wieder erleben, und die NSU-Morde und der ungeklärte Fall in Laichingen haben nichts miteinander zu tun. Aber sie werden sie diese Spur nicht aus den Augen verlieren, versicherte Staatsanwalt Christoph Lehr.