Ulm Blutsbruder der harten Kante

Wirkungsvoll: Gerold Miller zeigt in der Kunsthalle Weishaupt seine Arbeiten.
Wirkungsvoll: Gerold Miller zeigt in der Kunsthalle Weishaupt seine Arbeiten. © Foto: Oliver Schulz
Ulm / BURKHARD MEIER-GROLMAN 22.04.2016
Seine Farben, auch seine Formen, die müssen richtig in den Raum knallen: Gerold Miller, der jetzt seine Objekte in der Kunsthalle Weishaupt zeigt, hat die Signal- und Hard-Edge-Kunst auf die Spitze getrieben.

Dass man hier in der Kunsthalle Weishaupt eine Fata Morgana erlebt und sich plötzlich zurückversetzt fühlt in das Jahr 1970, als die deutschen Biennale-Künstler Thomas Lenk, Heinz Mack, Georg Karl Pfahler und Günther Uecker mit ihren Arbeiten das Ulmer studio f in der Galerie an der Olgastrasse 129 füllten, das hätte man nicht für möglich gehalten. Aber es ist so, denn diese die Weishaupt-Ausstellungsräume mühelos beherrschenden und unglaublich farbstarken Bildobjekte des 1961 in Altshausen bei Ravensburg geborenen und heute in Berlin lebenden Gerold Miller scheinen eine Wiedergeburt der Pfahler'schen Signalbilder und Farbraumobjekte zu sein.

Bei Miller finden sich dieselben streng minimalistisch monochromen und unbarmherzig gegeneinander stoßenden Farbflächen wie bei Pfahler, dieselben großformatigen Quadrate, mal mit weichen und schön abgerundeten Ecken und dann wieder mit ungemein spitzen und scharfen Kanten. Man sagt ja, dass mitunter auch in der Kunst artverwandte Formulierungen auftauchen, und so sind Gerold Miller und Georg Karl Pfahler tatsächlich - jedenfalls was ihr Kunstkonzept anbelangt - so etwas wie Blutsbrüder, nur dass die beiden 40 Jahre Kunstgeschichte trennen.

Und wenn Georg Karl Pfahler auch der einzige ernstzunehmende deutsche Vertreter der Harte-Kante-Kunst, sprich der Signal- und Hard-Edge-Malerei war, so kann man zwar bei Gerold Miller das Wort Hard Edge und Signal ruhig stehen lassen, man sollte aber das Wort Malerei komplett streichen. Denn Miller ist ein ausgesprochener Objektkünstler, mit Pinsel und Staffelei geht da wenig bis gar nichts. Blechschere, Lackierpistole und Stahlbiegemaschine spielen da die größere Rolle. Gerold Miller ist im Grunde genommen ein von Dekonstruktion und Konstruktion besessener Konzeptkünstler, der alle Anregungen aus der jüngsten Kunstgeschichte gerne aufnimmt und sie in seine Kreationen einfließen lässt. Der Betrachter soll merken, dass hier Bildideen der Konkretmaler, der Pop-Artisten und der Minimalkünstler aufblitzen und dass auch Licht-und Spiegeleffekte der Zero-Gruppe neu bearbeitet werden.

Gerold Miller hat auch ganz andere Vorstellungen von Raumwirkung. Seine Farben, seine Formen, die müssen richtig in den Raum knallen, da wird kein Pardon gegeben, Mobiliar und anderer Schnickschnack, die müssen weichen, am liebsten sind ihm total nackte und leere Galerie-und Museumsräume, die von seinen wandfüllenden, auf Hochglanz polierten und perfekt lackierten Aluminium- und Edelstahl-Bildkörpern dominiert werden können. Die Ulmer Kunsthalle Weishaupt ist also der ideale Ort für Gerold Millers überhaupt erste große Retrospektive mit Arbeiten aus drei Jahrzehnten.

Miller hatte sich nicht etwa bei dem Signal-Maler Pfahler in Nürnberg als Student eingeschrieben, er pocht auch heute noch darauf, dass er Bildhauer ist, und er hat auch Bildhauerei bei Jürgen Brodwolf an der Stuttgarter Kunstakademie studiert, hatte Stipendien des Landes und der Kunststiftung Baden-Württemberg, bestückte hierzulande zahlreiche Ausstellungen.

Übrigens steht seit 1989 seine "Große blaue Konstruktion II" droben auf dem Oberen Eselsberg am Kunstpfad der Universität Ulm. Seit dieser blauen Konstruktion hat es von Miller keine größere freistehende Plastik mehr gegeben, jetzt aber holt er in der Kunsthalle Weishaupt zum großen Schlag aus. Da steht der 7,70 Meter hohe und 1,8 Tonnen schwere "Verstärker 1", quasi ein brandneuer aus makellos poliertem Edelstahl bestehender monumentaler Kanthaken, dessen Verfrachtung in die Kunsthalle alleine schon eine logistische Meisterleistung war.

Natürlich spielt Gerold Miller inzwischen in einer ganz anderen Kunst-Liga. Seine Homepage ist im Zeichen der Globalisierung vorwiegend in Englisch gehalten, und auch die Ausstellungsadressen haben leicht gewechselt: Gerold Miller zeigt jetzt seine Arbeiten in Amsterdam, Mailand, Miami, Madrid, New York, Rom, Wien, Paris und eben von Sonntag an in Ulm - in der immer besonders der jüngsten Moderne verpflichteten Kunsthalle Weishaupt.

Bis zu 16 Lackschichten

Künstler im Wortlaut Bei der Präsentation seiner Ausstellung in der Kunsthalle Weishaupt hat Gerold Miller auch einiges zu seinen Arbeiten erläutert: "Alle Arbeiten sind aus Metall, also Aluminium oder Edelstahl, das ist mir sehr wichtig, dass da Präzision durch das Material in meine Arbeit kommt. Meine Arbeiten sind alle sehr schwer, und dieses Gewicht spielt für mich als Bildhauer auch eine große Rolle. Die Speziallacke spielen mit, sie werden mit bis zu 16 Schichten zur Grundierung aufgetragen, damit diese Präsenz von Farbe, diese Genauigkeit, diese Farbqualität zustande kommt."

"Mir war es immer schon wichtig, dass meine Arbeiten ein Maximal-Format haben, die Größe war für mich mit entscheidend, ausschlaggebend."

"Mit diesem Thema habe ich mich lange beschäftigt: Bild, Innenraum, Außenraum. Wenn ich etwas begrenze, schließe ich auch immer etwas aus."

Ausstellung Die Ausstellung Georg Millers wird am Samstag, 19 Uhr, in der Kunsthalle Weishaupt eröffnet und ist dort bis 2. Oktober zu sehen. Öffnungszeiten: Di-So 11-17 Uhr, Do bis 20 Uhr.

 

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