Die Augen werden größer, volle Konzentration beim Anlauf. Martin Barth, den alle nur „Maddn“ nennen, rennt über die Ulmer Stadtmauer. Ein Blick, ein großer Schritt, ein Sprung – das kann er doch nicht schaffen?! Doch, er kann. Wie in Zeitlupe gleitet er durch die Luft, kommt auf und krallt sich an einem Vorsprung am Gemäuer neben dem Metzgerturm fest. Er zieht sich hoch, höher, noch höher – ab geht es durch eine Öffnung ins Innere des Nachbargebäudes. Er läuft die Treppen hinab, sprintet auf die Stadtmauer zu, drückt sich mit den Füßen ab: Das Rückwärtssalto krönt den Sololauf.

Parkour: Trendsportart aus Frankreich

„Das, was ich hier tue“, sagt der 27-Jährige, „hat mich davon abgehalten, auf die schiefe Bahn zu geraten. Es ist ein großer Teil meines Lebens.“ Maddn – durchtrainierter Körper, lange Haare, Posterboy-Lächeln – ist Traceur, Parkour-Läufer. In der französischen Trendsportart geht es darum, all die Hindernisse zu meistern, die eine Großstadt bietet: Geländer, Wände, Mauern – Adrenalin. Je spektakulärer, desto besser.

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Black Monkeys aus Ulm – Süddeutschlands Parkour-Pioniere

„Wie geflasht“, war Maddn als Teenager, als er und seine Freunde „mit leuchtenden Augen“ vor dem Bildschirm saßen und sich den Parkour-Film „Yamakasi“ ansahen. „Es war damals eine schwierige Zeit“, gibt der junge Mann heute zu. „Wir sind am Westplatz aufgewachsen, in der Hood. Dort hatten viele Gleichaltrige mit Drogen und Gewalt zu tun.“ Der Sport war für die Jungs allerdings interessanter. „Zum Glück“, wie Maddn immer wieder betont. Sie gingen Stress aus dem Weg, verzichteten auf Alkoholexzesse. Stattdessen trainierten sie wie besessen. Probierten Sprünge, Saltos, neue Moves. Wurden besser, immer besser. 2006 gründeten die Jungs vom Westplatz die Crew „Black Monkeys“. Bis heute gelten sie in der Szene als Süddeutschlands Parkour-Pioniere.

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Während sich der Freundeskreis nach der Schulzeit in der ganzen Welt verteilte – einige reisten, studierten oder widmeten sich anderen Dingen – blieb Maddn seiner Heimatstadt treu. Er jobbte in der Einstein-Boulderhallle, hielt sich als Kellner sowie mit anderen Gelegenheitsarbeiten über Wasser und feilte nahezu jede freie Minute an seinen Fähigkeiten als Traceur. Immer mit dem großen Ziel vor Augen: irgendwann von Parkour leben können. „Dass das in Ulm schwierig würde, war mir ziemlich früh klar“, erklärt Maddn. „Trotzdem blieb ich stur.“

Von Parkour leben: Jobs für Traceure sind rar gesät

Die besten Chancen, mit ihrer Leidenschaft ausreichend Geld zu verdienen, haben Parkour-Läufer hierzulande in der Hauptstadt, wo unter anderem Trainerstellen oder Aufträge als Sportmodel warten. Schwer zu kriegen, heiß begehrt und dennoch können hier Träume in Erfüllung gehen. „Berlin was calling“ – das wusste Maddn. Doch er versuchte es über mehrere Jahre weiter in Ulm, in seiner Stadt. „Ich war in meiner Komfortzone, hielt mich mit vagem Optimismus bei Laune, doch ich war eigentlich unzufrieden“, blickt Maddn zurück.

Arbeitete als Sportmodel schon für „Lenovo“ und „Fujifilm“: Martin „Maddn“ Barth.
© Foto: Norbert Ziemba

Martin Barth: SMS eines Freundes verändert sein Leben

Es war die SMS eines Freundes, die seinem Leben schließlich eine neue Richtung gab. Maddn, der Ende des vergangenen Jahres auf Montage in Duisburg war, stand mit gepackten Koffern an seinem Geburtstag im Gästezimmer, bereit für die Rückfahrt nach Ulm, als sein Handy vibrierte. „Komm nach Berlin, mach‘ keinen Quatsch“, leuchtete da zwischen vielen Glückwünschen auf seinem Display. Der Finger in der Wunde. Maddns Freund wusste über die aktuelle Situation Bescheid. „Berlin? Wirklich? Soll ich es wagen? Diese Gedanken schossen mir durch den Kopf“, sagt Maddn. Dann, nach reichlicher Überlegung, buchte er einen Platz im Flixbus. Ab in die Hauptstadt.

Traum vom eigenen Parkour-Gym in Ulm

Seit zehn Monaten lebt Maddn inzwischen in Berlin und ist mit dieser Entscheidung überglücklich. Dreimal pro Woche gibt er Parkour-Stunden, steht für Unternehmen wie „Lenovo“ oder „Fuji Film“ in Werbeclips vor der Kamera. Auf die Stelle in einem Café ist er derzeit zwar immer noch angewiesen. Doch Maddn erklärt: „Bald kann ich hauptberuflich als Trainer arbeiten und brauche den Nebenjob nicht mehr.“ In den kommenden Jahren möchte der Traceur in Berlin bleiben, er träumt von Engagements als Stuntman für Filmproduktionen. Doch irgendwann, da ist sich Maddn sicher, möchte er zurück in die Heimat, zurück nach Ulm. „Wenn ich genug gespart und Erfahrungen gesammelt habe, kann ich mir sehr gut vorstellen, ein Parkour-Gym in Ulm zu eröffnen.“

Dieser Artikel ist in Kooperation mit cityStories Ulm entstanden.

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