Mit einem knallharten Sanierungsprogramm will Ratiopharm-Mutterkonzern Teva aus einer finanziellen Schieflage herauskommen. Der israelische Arzneimittel-Hersteller baut weltweit 14.000 Stellen ab, davon die Mehrzahl schon 2018. Die betroffenen Beschäftigten sollen innerhalb von 90 Tagen Bescheid bekommen. Ein Ratiopharm-Sprecher in Ulm legte am Donnerstag Wert darauf, dass bisher keine exakten Abbauzahlen für einzelne Standorte vorliegen. In Deutschland sei Teva effizient aufgestellt: „Teva Deutschland war auch 2017 im Markt erfolgreich und wird die Jahresziele erreichen.“

Der weltweite führende Hersteller von patentfreien Medikamenten (Generika) hatte Ratiopharm nach der Merckle-Krise 2010 gekauft. Der Konzern beschäftigt an den zwei Standorten Ulm-Donautal und Blaubeuren etwa 2500 Mitarbeiter. Dazu kommt im Inland der Teva-Standort Berlin. In Ulm hatte es zuletzt drei kleinere Abbauwellen gegeben. Die letzte, von der, wie berichtet, etwa 100 Mitarbeiter betroffen waren – auch mit Kündigungen –, wurde im März mit der Akquisition des gleichgelagerten Pharmaproduzenten Actavis begründet, bei der sich Teva hoch verschuldet hat. Nun will der neue Konzernchef Kare Schultz Fabriken, auch Forschungsstätten und Verwaltungskomplexe schließen, um jährlich rund drei Milliarden US-Dollar einzusparen. Vor allem für Abfindungen will Teva nächstes Jahr zusätzlich 700 Millionen Dollar ausgeben.

Die Teva-Krise und mögliche Auswirkungen auf den Standort Ulm – an dem Mitte November noch der Grundstein für die Biotech-Anlage „Genesis“ gelegt wurde – waren zuletzt auch Thema in der Stadtpolitik. OB Gunter Czisch reagierte am Donnerstag in einem Statement: „Die Grundsteinlegung für das neue Biotech-Zentrum vor einem Monat, mit dem Teva in Ulm 500 Millionen Euro investiert, zeigt die besondere Wettbewerbsfähigkeit des Standorts und vor allem der Beschäftigten in Ulm und Blaubeuren.“ Die Entscheidung sei seinerzeit in Konkurrenz zu Standorten weltweit zugunsten der Stadt gefallen. „Nachdem die finanziellen Schwierigkeiten von Teva nicht neu sind, bin ich überzeugt, diese Investition ist deutliches Zeichen für die Leistungsfähigkeit von Ratiopharm“. Czisch zeigte sich gleichwohl sorgenvoll: „Dennoch, die Lage verunsichert die Beschäftigten und wir hoffen, dass Ulm nicht betroffen ist.“

Kommentarlos per E-Mail

Bei den Mitarbeitern von Ratiopharm geht derweil die Angst um. Zwar huschen die meisten, die das Werksgelände im Industriegebiet Donautal am Donnerstagnachmittag verlassen, schnell vorbei: „Kein Kommentar.“ Diejenigen, die kurz stehenbleiben und sich äußern, beziehen aber klar Stellung. Die Mitteilung der Konzern­leitung über die angekündigten Massenentlassungen sei eine Stunde zuvor an alle ohne weiteren Kommentar per E-Mail geschickt worden. „Wir haben halt versucht, irgendwie weiterzuarbeiten“, sagt eine Frau. Kaum einer in Ulm glaube, dass der Kelch am Standort vorübergehe. „Auch eine gute wirtschaftliche Lage schützt nicht vor Entlassungen, das weiß man spätestens seit den Kündigungen bei Siemens“, sagt eine andere Mitarbeiterin. „Ich muss jetzt erst mal eine rauchen und mich sammeln.“

Pessimistisch gibt sich eine Frau aus der Verwaltung. „Ich bin seit elf Jahren dabei, aber jetzt schaue ich mich lieber mal nach einer neuen Stelle um.“ Ein Mitarbeiter aus der Produktion meint: „Das war abzusehen.“ Andererseits sei in Ulm in drei Wellen während der vergangenen Monate bereits viel Personal abgebaut worden. „Die Schmerzgrenze ist längst erreicht.“

Verhalten optimistisch äußert sich ein Kollege, der erst dieses Jahr des Jobs wegen nach Ulm gezogen ist und „Spaß an der Arbeit“ in einer kleineren Abteilung hat. „Bisher sieht es so aus, als ob es für uns weitergeht.“ Sicher sei vorläufig aber gar nichts. „Ich kenne viele hier, die sagen: Es kann jeden Tag vorbei sein.“

Die schon seit Monaten anhaltende, unsichere Situation belaste die Mitarbeiter zunehmend, berichtet eine weitere Mitarbeiterin. „Die meisten arbeiten mehr als zuvor und kämpfen um Anerkennung, um von eventuellen Kündigungen verschont zu bleiben.“ Gleichzeitig mache sich der Stress inzwischen auch körperlich bemerkbar.

Schon mal auf Jobsuche

Ein etwas älterer Mitarbeiter aus dem Qualitätsmanagement ist überzeugt: „Bei 14 000 Entlassungen kommt Ulm nicht ungeschoren davon.“ Seine Hauptbefürchtung ist, dass das Biotech-Projekt Genesis leidet. „Wenn Teva massiv sparen will, stellt sich doch die Frage, ob man die Produkte nicht lieber anderweitig herstellen lässt.“ Er jedenfalls habe schon im Sommer die Fühler nach einem anderen Job ausgestreckt und erfahren müssen: „Mit 55 ist das nicht mehr so leicht.“

Mit Blick auf die Beschäftigten hofft auch IHK-Hauptgeschäftsführer Otto Sälzle, dass der Standort von den Abbauplänen weitgehend verschont wird – zumal die Medikamenten-Produktion gut und profitabel dastehe: „Das wird sich hoffentlich auswirken.“ Aus dem Blickwinkel der Bioregion sei das Genesis-Projekt entscheidend. Denn dort entstünden die Arzneimittel der Zukunft. Genesis werde daher langfristig zu einer „deutlichen Stärkung der Bioregion“ zwischen Ulm und Bodensee führen.

Wie aber ist der Ulmer Sport durch den möglichen Ausfall eines Großsponsors betroffen? Es war ausgerechnet der dritte Advent vor zwei Jahren, als die Basketballer der BBU’01 großartige Neuigkeiten bekanntgeben konnten. Teva-Geschäftsführer Markus Leyck Dieken, selbst großer Basketball-Fan, verlängerte den Sponsoring-Vertrag um fünf Jahre. Damit tragen die Basketballer die Teva-Marke Ratiopharm bis Ende der Saison 2020/21 auf der Brust, auch auf Trikots der Bundesliga-Nachwuchsteams U 19 und U 16 steht der Name Ratiopharm. BBU-Geschäftsführer Thomas Stoll sagte damals: „Das schafft Planungssicherheit und ist nicht hoch genug einzuschätzen.“

Mittlerweile ist Markus Leyck Dieken für Teva in die USA gewechselt. Über finanzielle Details des Vertrags hatten beide Seiten Stillschweigen vereinbart. Und das wollte Basketball-Finanzchef Andreas Oettel am Donnerstag im Gespräch mit der SWP so belasssen, schließlich arbeite der Club seit 16 Jahren eng mit Teva-Ratiopharm zusammen. Sein Zitat von 2015, „Bayern München, Berlin oder Bamberg werden wir damit aber nicht einholen. Bei weitem nicht“ gelte mit Blick auf den Basketball-Etat aber weiterhin.

Ein Viertel aller Jobs gehen verloren


Restrukturierung Der Pharmakonzern Teva baut in seinem Restrukturierungsprogramm binnen zwei Jahren ein Viertel aller Arbeitsplätze ab. So sollen die Kosten jährlich um drei Milliarden Dollar gesenkt werden. Teva hatte sich mit der Übernahme von Actavis übernommen und über 30 Milliarden US-Dollar Schulden aufgenommen. Umsatz zuletzt: 22 Milliarden.