"Die größte Überraschung meines Lebens war die Wahl dieses Papstes." Das sagte Gebhard Fürst, Bischof der katholischen Diözese Rottenburg-Stuttgart, am Mittwoch im Stadthaus beim Forum der SÜDWEST PRESSE. Vor rund 300 Zuhörern stand er den Fragen von Chefredakteur Ulrich Becker und Politikchefin Elisabeth Zoll Rede und Antwort. Für Fürst hat der neue Papst Franziskus schon in seinem ersten öffentlichen Auftritt Zeichen gesetzt und Veränderungen angestoßen: Hin zu einer Kirche, die auf Augenhöhe mit den Menschen kommuniziert, die unterwegs ist und eine Kirche der Armen ist.

Gilt die Forderung nach einer Kirche der Armen auch im reichen Deutschland? Ganz klar ja, sagte Fürst. Es gehe darum, das Geld so einzusetzen, dass es bei den Menschen ankomme, die Zuwendung brauchen, beispielsweise durch die Caritas. "Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts", machte der Bischof deutlich. Er nannte als Beispiel das Siedlungswerk, an dem die katholische Kirche einen großen Anteil habe und das sozialen Wohnungsbau betreibe.

Das Gespräch spannte einen weiten Bogen und streifte verschiedene Themen: Von kirchlichen Finanzen (Fürst: "Ich bin für absolute Transparenz", weil es Geld ist, das uns die Menschen anvertraut haben") über Tebartz-van Elst ("Ich halte eine Rückkehr für nicht realistisch") und kirchliche Sexualethik ("Hier ist die Kluft zwischen den Normen und der Lebenswirklichkeit der Menschen besonders groß") bis hin zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen ("wir brauchen eine barmherzigere Antwort, als das bisher der Fall ist").

Eine klare Absage erteilte Fürst allerdings Forderungen nach dem Priestertum für Frauen: "Diese Tür ist zu." Nicht aber die zu einem Diakonat der Frau. Als Erklärung sagte er, dass Jesus ein Mann war - und Priester an ihn erinnerten. Dennoch gebe es für Frauen Chancen in der Kirche: So würden 4 von 16 Hauptabteilungen seiner Diözese von Frauen geleitet.

Der Zölibat für Priester ist für Fürst "in der heutigen Zeit ein außerordentlich wertvolles Zeichen". Er selbst "leide nicht an Vertrocknung und Verholzung, obwohl ich nicht verheiratet bin".

Zur Person
Dr. Gebhard Fürst ist 1948 in Bietigheim geboren: als dritter Sohn einer "einfachen katholischen Familie", wie er selbst sagt. Nach dem Abitur studierte er katholische Theologie an den Unis Tübingen und Wien. 1977 wurde er zum Priester geweiht. 1979 ging er nach Tübingen zurück ans Wilhelmsstift (katholisches Theologenkonvikt) und wurde später dessen Direktor. 1986 wechselte er als Leiter an die Diözesanakademie, 1987 schloss er seine Promotion ab. Im Jahr 2000 wurde zum Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart gewählt. 

Fürst gilt als Intellektueller mit liberaler, weltoffener Haltung, er steht für einen dialogbereiten Katholizismus. In der Diözese initiierte er einen Dialogprozess, bei dem die kritische Basis aber moniert, dass es bei Zölibat, Stellung der Frau und Sexualethik wenig Veränderungswillen gibt.