Vor der Volkshochschule verteilten Mitglieder der Deutsch-Israelischen Gesellschaft am Mittwoch Flugblätter. Zu lesen war dort, der Referent des Abends, der seit 20 Jahren im Westjordanland lebende deutsche Wasserexperte Clemens Messerschmid, sei ein Ideologe. Er berichte einseitig zu Ungunsten Israels, er verbreite bewusst die Unwahrheit.

Auch die Volkshochschule als Veranstalterin (gemeinsam mit dem Ulmer Weltladen) wurde kritisiert: Sie biete Israel-Kritikern regelmäßig ein Podium. „Diese Art der Berichterstattung ist absolut kontraproduktiv. Es ist nicht hilfreich, Menschen gegeneinander aufzuhetzen“, schloss das Flugblatt. Ob sie sich Messerschmids Vortrag denn anhören, danach vielleicht mitdiskutieren werde, wurde eine der Flugblattverteilerinnen gefragt. „Nein, diese Unerträglichkeiten will ich mir nicht antun“, antwortete sie.

Messerschmid, das stimmt, vertrat in seinem zweistündigen Vortrag vor gut 100 Zuhörern eine eindeutig israelkritische Position. Konkret: Der Wassermangel im Westjordanland sei von Israels Regierungen politisch gewollt, um die Palästinenser gewissermaßen auf dem Trockenen sitzen zu lassen. Ob Messerschmid deswegen ein Ideologe, ein Israel-Feind, gar ein Antisemit ist? Dafür gab es keine Hinweise. Denn der 52-Jährige lieferte in seinem sauber durchstrukturierten Referat vor allem Fakten und bediente sich dabei sogar überwiegend offizieller israelischer Daten.

Zudem kann man dem gebürtigen Münchner nicht absprechen, ein Experte zu sein. Der studierte Hydrologe kennt die Westbank seit 1997. Er hat dort vier Jahre lang für die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) Projekte zur Grundwassererschließung betreut, Brunnen gebohrt, bis er sich 2005 schließlich selbstständig machte – auch aus Frust über die bundesdeutsche Entwicklungspolitik, wie er sagt.

Zunächst räumte Messerschmid mit dem „Mythos“ auf, Israel sei ein wasserarmes Land. Anhand hydrologischer Karten zeigte er, dass Jerusalem und Ramallah im Jahresschnitt mehr Regen abbekommen als Berlin und London. Der Pro-Kopf-Wasserverbrauch in Israel sei mit fast 250 Litern pro Tag doppelt so hoch wie in Deutschland, während die Bewohner der Westbank mit 70 Litern auskommen müssten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO fordert für ein menschenwürdiges Leben 100 Liter täglich.

Einen Großteil des Wassers, von dem übrigens 60 Prozent in die Landwirtschaft fließen, die jedoch nur zwei Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt, beschafft sich Israel aus dem Jordan. Während der Fluss am Oberlauf noch 690 Millionen Kubikmeter Wasser führt, seien es an der Mündung ins Tote Meer nur noch 5 Millionen Kubikmeter. „Israel pumpt alles ab.“ Messerschmid unterstellt dem Staat nicht die Absicht, die Palästinenser bestrafen zu wollen. „Es geht um blanken Ressourcenegoismus.“

Wenn schon kein Oberflächenwasser mehr da ist, so bliebe den Palästinensern immer noch das reichlich vorhandene Grundwasser. Doch es gibt nur wenige Brunnen. Seit 1997 sei in den Palästinensergebieten kein einziger neuer Brunnen gebaut worden, obwohl sich die Bevölkerung verdoppelt habe. Messerschmid zeigte schriftliche Regierungsordern, denen zufolge in den Autonomiegebieten jegliche Wasserarbeiten ohne Erlaubnis der Militärbesatzung verboten sind. Genehmigungen würden aber so gut wie nie erteilt. „Israel hat den Regen enteignet, sobald er auf den Boden trifft.“ Weniger als 11 Prozent des Wassers aus dem Westjordanland komme den Palästinensern zugute. „Dafür verbürge ich mich.“

Scharfe Kritik übte Messerschmid an der deutschen Entwicklungspolitik. Obwohl die Fakten offenkundig und bekannt seien, obwohl Israel seit Ende der 90er Jahre politisch immer weiter nach rechts rücke, traue sich keine deutsche Regierung dies anzusprechen. Stattdessen gebe die GTZ im Westjordanland nun Kurse, wie man Wasser spart. „Das ist blanker Zynismus.“

Protest kam während des Vortrags nur von einem älteren Ehepaar, das in der ersten Reihe Platz genommen hatte und den Referenten mehrfach der Lüge bezichtigte. Irgendwann standen die beiden auf und verließen den Raum, dem Publikum zurufend: „Sie sind alle Antisemiten.“ Dafür gab es reichlich Buhrufe.