Eine Geschäftsfrau ist Miriam Auer nicht. Jedenfalls keine im Sinne einer Kapitalistin, die den Hals nicht voll kriegt. Die 38-Jährige hatte ihren kleinen Lebensmittelladen „Nahrhaftig“ in der Saarlandstraße vielmehr mit großem  Idealismus eröffnet. Weil sie auf gute Qualität Wert legt, wie sie sagt. Weil sie den Bewohnern im Viertel „etwas Gutes bieten wollte“ und weil sie mit dem Laden gar nicht reich werden wollte, sondern mit einer „sorgenfreien Null auf Null-Bilanz“ zufrieden wäre.

Danach sieht es nicht aus. „Mein Steuerberater schlägt Alarm“, sagt sie. Seit sie den Laden vor zweieinhalb Jahren aufgemacht hat, mache sie zu wenig Umsatz. „Im ersten Jahr war das okay. Diese Zeit muss man durchstehen.“ Sie habe Erfahrungen gesammelt und reagiert. Doch auch im zweiten Jahr seien ihre Hoffnungen enttäuscht worden. Und in diesem Jahr?  „Ich habe mein Erspartes genommen, um laufende Rechnungen bezahlen zu können – das geht gar nicht.“ Gestartet sei sie damals mit dem Gedanken, „mir wenigstens mal einen Urlaub vom Verdienst leisten zu können“. Sie habe vor der Öffnung mit vielen gesprochen, die sich auskennen. „Die Lage hier ist gut. Auch das Umfeld und die Größe des Geschäftes stimmen.“ Die Mutter eines neun- und eines zwölfjährigen Kindes sitzt an einem der beiden Holztische im Geschäft, an denen der eine und andere Kunde frühstückt, einen Kaffee trinkt und Zeitung liest. Immer wieder kommen Leute herein, schlendern vorbei an Gemüse und Obst, offenen Reis,- Müsli-  und Pastaboxen, landen vor der antiken Theke mit Backwaren, frischem Käse und der Kasse. Voll sind ihre Körbe nicht: Mal ist es eine Flasche Tomatensauce, mal sind es Eier oder ein bisschen Gemüse.

Alles knapp kalkuliert

Diese Art einzukaufen sei der Kern des Problems, sagt Auer: „Viele kommen rein und loben alles, was sie sehen. Dass der Laden überhaupt da ist, ein Angebot schafft, das Wohnviertel bereichert. Dann kaufen sie zwei Zitronen und drei Karotten und gehen anschließend zum Großeinkauf in den nächsten Discounter – Bio oder nicht“. Mit den Preisen dort kann die 38-Jährige nicht mithalten. Schon deshalb, weil ihre Warenbestellungen kleiner ausfallen. „Für etwa 450 Euro monatlich bestelle ich beim Großlieferanten, da bekomme ich keine Rabatte.“ Auf die Preise schlage sie 25 bis 30 Prozent drauf, um ihre Unkosten decken zu können. Alles sei knapp kalkuliert. Brot und Brötchen etwa dürften nicht übrig bleiben, sonst mache sie sofort Verlust. Ein Beispiel: Bei der Biobäckerei bezahle sie im Einkauf 2,07 Euro, über die Theke gehe es für 2,97 Euro. Dass es bei ihr teurer ist, sei klar. Für die 38-Jährige ist das jedoch kein Grund dafür, dass Kunden ausbleiben müssen. Auch nicht die, die wenig verdienen. Leisten könnten diese sich den Einkauf im „Nahrhaftig“ nämlich schon, findet sie. „In Supermärkten gibt man viel mehr Geld für Spontankäufe und viel Mist aus.“ Auch wolle sie ihre Lieferanten – „alles Bauern und Kleinbetriebe, die eine super Arbeit leisten und hart für ihren Broterwerb buckeln“ – angemessen bezahlen. „Nur so können wir Monopolismus verhindern.“ Mit gemischten Gefühlen betrachtet sie, dass selbst die ganz großen Ketten inzwischen beste  Bioland-Ware anbieten: „Die drücken früher oder später die Preise, so wie es jetzt schon bei den konventionellen Milchbauern der Fall ist.“

Bis Weihnachten durchhalten

Ihr sei unbegreiflich, wieso die Kunden nicht mehr Bewusstsein entwickelten: „Manchen fehlt jegliches Verständnis dafür, wie ich meinen Laden am Laufen halte.“ Dass sie Miete, Energie, Waren und auch Mitarbeiter bezahlen müsse. Vier Aushilfskräfte arbeiten bei ihr auf 450-Euro-Basis. „Klar, das kann man kritisieren“, räumt sie ein. Aber sie habe Familie und mache nebenher noch die Buchhaltung. Um auf Null raus zu kommen, müsste sie rund 220.000 Euro Umsatz im Jahr machen. Aktuell sind es 156 000 Euro. Bis Weihnachten will Miriam Auer auf jeden Fall noch durchhalten. Ändert sich bis dahin nichts, will sie aufhören.

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Vortrag zum Thema Monopolismus


Veranstaltung Am Dienstag, 9. Juli, hält ein Vertreter des Bio-Großlieferanten „Packs an“ aus Vaihingen einen Vortrag über das Thema „Monopolismus und seine Folgen für unsere Ernährung und die Erzeuger“. Beginn ist um 18.30 Uhr im „Nahrhaftig“ in der Saarlandstraße 115.