Sinem spielt mit ihrer kleinen Schwester Memory. Ihre Bewegungen wirken ungelenk. Manchmal purzeln beim Sprechen die Buchstaben durcheinander. Die Zehnjährige ist entwicklungsverzögert, zudem halbseitig gelähmt. „Sie ist ein tolles Mädchen“, sagt ihre Mutter Kristina Ertürk.

Sinem besucht eine Sonderschule. „Daran haben wir nie gezweifelt“, sagt Osman Ertürk. Seine Frau lacht: „Du hast nie gezweifelt“, berichtigt: „Mir wäre lieber gewesen, sie wäre in die normale Grundschule gegangen. Dann hätte sie vielleicht mehr Kontakt zu den Kindern im Viertel.“ Inzwischen, sagt Kristina Ertürk, sei sie aber überzeugt, dass die Sonderschule der richtige Weg für Sinem ist.

Ertürks fühlten sich gut beraten, und zwar von allen Stellen – und das waren viele. Sozialpädiatrisches Zentrum, Frühförderung und Erzieher, Ärzte, Therapeuten, die Schule. „Mit unseren Ängsten wurde sehr offen umgegangen“, sagt die 28-Jährige. Als der Tag der Einschulung näher rückte, ließ sich die Familie am sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum beraten. Zu Hause wurde ein Intelligenztest gemacht, ein Wort, das die Eltern zuerst erschreckt hat. „Es hörte sich so negativ an, aber als die Leute dann hier waren, fanden wir das alle sehr entspannend“, erzählt Osman Ertürk. Anschließend und bei einem zweiten Termin wurde mehr als zwei Stunden geredet. Über die Möglichkeiten, die es gibt und die Ziele, die sich die Eltern für ihr Kind wünschen.

Ulrike Mühlbayer-Gässler ist Schulleiterin der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule, Sonderschule für Körperbehinderte. Sie hat schon zahlreiche Familien beraten, die vor der schwierigen Entscheidung standen: „Unsere Aufgabe ist es, die Eltern zu beraten, zu begleiten und ihre Entscheidung wertzuschätzen.“ Dass Eltern es an einer Regelschule versuchen wollen, kann sie nachvollziehen. Gehen Kinder in die Inklusion, gelte es diese zu begleiten und zu unterstützen. „Wenn es nicht klappt, sind wir auch da. Dann heißt es nicht ätschgäbele, ich hab’s ja gewusst“, sagt Mühlbayer-Gässler. Vielmehr müsse das Kind in seiner Entwicklung im Mittelpunkt stehen: „Ich finde es immer gut, wenn eingeschlagene Wege überdacht werden. Egal in welche Richtung.“

Als sie das Wort „Schule“ hört, unterbricht Sinem ihr Spiel. „Ich bin die Beste in der Klasse“, erklärt das Mädchen stolz: „Aber die anderen sind auch alle behindert.“ Kurzes Zögern, dann lachen die Eltern. Die Worte „behindert“ und „normal“ hätten für sie im Laufe der Zeit eine ganz andere Bedeutung bekommen, sagt Kristina Ertürk.

Die 28-Jährige kennt alle mögliche Lebensmodelle. Sinems beste Freundin etwa hat eine spastische Lähmung und ist stark sehbehindert. Sie besucht eine Regelschule. Ihre Mutter investiere sehr viel Zeit und Enthusiasmus. „Ich könnte das nicht“, sagt Kristina Ertürk. Ihre anderen beiden Kinder fordern sie auch, zudem arbeitet die 28-Jährige Teilzeit. Für sie sei es eine extreme Entlastung, dass der Großteil von Sinems Therapien in der Schule stattfinden, rhythmisiert zum Stundenplan. „Sie wird morgens abgeholt und nachmittags heimgebracht“, ergänzt Osman Ertürk. Anfangs habe sie das Gefühl gehabt, eine schlechte Mutter zu sein, erzählt Kristina Ertürk, weil sie ihrem Kind eben nicht diesen Weg ermöglichen könne: „Andererseits kann ich ganz für sie als Mutter da sein, wenn sie heim kommt und muss nicht immer nur fordern. Wir können spielen oder einfach nichts tun.“

Sinem besucht eine Sonderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung. Auch die Schule für Körperbehinderte hätte es in der Nähe gegeben. „Das Angebot hat einfach besser gepasst“, sagt Kristina Ertürk. Darauf habe man sich in der Beratung gemeinsam mit Lehrern beider Schulen geeinigt.

„Das sind immer sehr individuelle Entscheidungen. Wir sprechen uns mit den Eltern und untereinander ab, schauen, was für das Kind und die Familie passt“, sagt Ulrike Mühlbayer-Gässler. Die Chance, eine Woche zur Probe zu kommen, nutzten viele gerne. Besonders, wenn es um die Frage geht, die Schulart zu wechseln. „Es gibt Kinder, die sind eine Zeit in der Inklusion, das funktioniert gut und dann passt es auf einmal nicht mehr“, erzählt Mühlbayer-Gässler: „Sie haben immer die Möglichkeit, an ihre Stammschule zurückzukommen. Aber auch umgekehrt werden die Wege beschritten.“

Was die Arbeit der Sonderpädagogen angeht, ist Osman Ertürk voll des Lobes. „In Sinems Klasse sind Kinder, die gewickelt werden müssen. Ein Junge bekommt Sauerstoff und ein anderer hat Anfälle, in denen er richtig aggressiv wird“, erzählt der Vater: „Mit welcher Ruhe die das meistern, kann ich nur bewundern." Anfangs, gesteht der 32- Jährige, sei er erschrocken gewesen, als er die anderen Kinder gesehen hat. Er wusste nicht, wie er mit schweren Behinderungen umgehen sollte: „Aber mein Mädchen fühlt sich wohl. Im Kindergarten war sie immer diejenige, auf die man warten musste. Jetzt kann sie helfen und erlebt sich als stark.“

Der Stand der Dinge

Das Inklusionsgesetz wird im Landtag diskutiert. Die Sonderschulpflicht soll abgeschafft werden und Eltern künftig entscheiden, in welche Schulart – nicht aber in welche Schule – ihr Kind geht. Laut Kultusminister Andreas Stoch sollen sich die Sonderschulen zu sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren mit verschiedenen Schwerpunkten entwickeln. Ziel ist zudem das Zwei-Lehrer-Prinzip für Inklusionsklassen, in denen beide Pädagogen für alle Kinder zuständig sind. Das Problem: Es gibt zu wenig Sonderpädagogen.

Blick über den Tellerrand

In den deutschen Bundesländern herrscht keine Einigkeit, wie man mit beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen umgeht und die vor sechs Jahren in Kraft getretene UN-Behindertenrechtskonvention umsetzt. In Hamburg etwa gibt es keine Sonderschule mehr, alle Kinder werden an Regelschulen unterrichtet. Die meisten Bundesländer wollen aber Sonder- oder Förderschulen behalten. Mehr zu Sonderschulen und Inklusion sowie alle bereits erschienenen Folgen der Serie finden Sie unter: swp.de/schulserie


Info

Informationen zum neuen Schulgesetz vom Kultusministerium: www.km-bw.de
Informationen zum Nachteilsausgleich: www.schule-bw.de