Kirchengeschichte Bewegende Audienz - Ulmer Luther-Fachmann trifft Papst

Papst Franziskus empfängt die Tagungsteilnehmer – unter ihnen Prof. Berndt Hamm aus Ulm.
Papst Franziskus empfängt die Tagungsteilnehmer – unter ihnen Prof. Berndt Hamm aus Ulm. © Foto: Privat
Verena Schühly 18.04.2017

Für die Ökumene war es ein kirchenhistorischer Meilenstein, dass man sich innerhalb des Vatikans mit Martin Luther beschäftigt hat“, sagt Prof. Berndt Hamm über die Tagung im Vatikan, an welcher der in Ulm lebende Kirchengeschichtler teilgenommen hat. Im Gedenkjahr der Reformation ging es nicht darum, Luther als Ketzer zu verdammen wie vor 500 Jahren, sondern „ihn positiv zu würdigen als Vertreter einer Theologie, von der die katholische Kirche auch heute lernen kann“.

„Luther – 500 Jahre danach. Eine Wiederbeschäftigung mit der lutherischen Reformation in ihrem historischen und kirchlichen Kontext“ lautete der Titel der Tagung, die mit 18 katholischen und evangelischen Referenten aus sieben Nationen besetzt war und die das päpstliche Komitee für Geschichtswissenschaften veranstaltet hat. Hamm (72) ist evangelischer Theologe, hatte von 1984 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2011 einen Lehrstuhl für neuere Kirchengeschichte an der Uni Erlangen-Nürnberg.

Unterkunft Der Ulmer ist mit seiner Frau Dr. Gudrun Litz, die Reformations-Spezialistin im Ulmer Stadtarchiv, nach Rom gefahren. Sie und die anderen Teilnehmer der Tagung waren in der Casa Santa Marta untergebracht – jenem Gästehaus auf dem Campo Santo Teutonico, in dem auch Papst Franziskus wohnt.

Prunk Das katholische Oberhaupt war vor vier Jahren als Kardinal und Bischof von Buenos Aires zum Konklave angereist, bei dem der Nachfolger für Benedikt XIV. gewählt wurde. Santa Marta beherbergt die Kardinäle während des Konklave – und Franziskus blieb dort wohnen, weil er einen Umzug in die päpstlichen Gemächer und anderen Prunk ablehnt.

Nähe So kam es, dass Litz und Hamm genau in der Etage über dem Papst untergebracht waren, dessen Räume sich von den anderen lediglich darin unterscheiden, dass ein Schweizer Gardist vor der Türe Wache hält. Auch im Speisesaal war er Papst täglich anzutreffen.

Faszination Die eindrücklichste Begegnung aber war die Privataudienz für die Tagungsteilnehmer. „Das war bewegend“, erzählt Berndt Hamm. „Dieser Mann strahlt eine beeindruckende Güte, Herzlichkeit und Menschenfreundlichkeit aus.“ Er habe jedem Teilnehmer die Hand und das Gefühl gegeben, „als sei es für ihn das Wichtigste an diesem Tag“. Der Kirchengeschichtler weiter: „Für uns Evangelische ist der Papst ja nur ein Mensch, wenn auch ein besonderer. Aber man kann sich der Faszination dieses Mannes nicht entziehen: Er lebt seinen Glauben, hat Einfluss und bewegt etwas in dieser Welt.“ So wie der Papst sich immer wieder für Flüchtlinge einsetzt und den Kontakt zu Armen, Inhaftierten und anderen Menschen sucht, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Audienz In seiner Rede während der Audienz hat Franziskus das Wirken und die theologischen Verdienste Luthers herausgestrichen. Darüber hinaus ermunterte er die Teilnehmer der ökumenischen Tagung und betonte, dass der gemeinsame Weg noch nicht zu Ende sei.

Themen Wie Hamm berichtet, beschäftigte sich die Tagung mit vier Themenbereichen: das Zeitalter der Reform im 15. und 16. Jahrhundert, einschließlich der Reformation; Luther selbst und die lutherische Reformation; Luther im politischen Kontext; sowie die Luther-Forschung in Spanien, Lateinamerika, Italien und Frankreich, wo auf die reformatorische Bewegung eine starke Unterdrückung folgte.

Spezialgebiet: der junge Luther

Das Spezialgebiet Hamms ist die Entwicklung des jungen Luther und wie er zum Reformator wurde, ehe er 1517 seine 95 kirchenkritischen Thesen veröffentlichte. Der Kirchengeschichtler liest aus den frühen Schriften und Vorlesungen von 1513 heraus, wie Luther bereits „die theologischen Koordinaten neu gestellt hat“. Durch die Erkenntnis, dass der Mensch „vor Gott radikaler Sünder ist und bleibt, der Gott nichts anbieten oder sich durch gute Taten das Heil verdienen kann“. Sondern dass Gott dem Menschen das Heil schenkt als „Gabe ohne Gegen­gabe“.

Daraus leitet Luther ein neues Verhältnis zu Gott ab, „das Tor zur Freiheit für die Menschen“, erläutert Hamm. Aus dem auch die radikale Abkehr der damals gängigen Ablass-Praxis der Kirche folgte. Mit dem neuen Grundverhältnis zwischen Mensch und Gott „geht Luther theologisch radikal über andere Reformatoren vor ihm hinaus“, die moralische Missstände in der Kirche kritisiert hatten.

Reformationstagung in Ulm am 18. und 19. Mai

Ablauf Die wissenschaftliche Tagung „Vielstimmige Reformation in den Jahren 1530 bis 1548“ findet am 18./19. Mai statt im Haus der Begegnung. Veranstalter sind die Stadt Ulm, Stadtarchiv/Haus der Stadtgeschichte, Uni Tübingen, evangelische Gesamtkirchengemeinde und evangelischer Bund Württemberg. Renommierte Wissenschaftler halten Vorträge, die offen für die interessierte Besucher sind (Programm unter www.reformation.ulm.de). Am Donnerstag, 18. Mai, ist ab 19 Uhr eine öffentliche Veranstaltung im Stadthaus, bei der Prof. Berndt Hamm den Abendvortrag hält über „Die Antriebskräfte der Reformation in ihrer Vielstimmigkeit“. Um 20.15 Uhr folgt im Chorraum des Münsters ein Konzert mit dem Scherer-Ensemble und Musik aus der Reformationszeit.