Ulm Beste Hilfe aus eigener Erfahrung

BEATE STORZ 10.08.2012
Zurückgeben, was man empfangen hat: Die Russin Valentina Schmidt wurde durch einen Sprachkurs beim Jugendmigrationsdienst in den deutschen Kulturkreis integriert. Jetzt arbeitet sie selbst ehrenamtlich dort.

Eigentlich ein Trauma: aus der gewohnten Umgebung herausgerissen in ein fremdes Land mit anderer Sprache zu gehen. Für Valentina Schmidt war der Umzug vom russischen Omsk nach Ulm vor neun Jahren ein schwerer Schritt. Sie war damals zwölf und konnte kaum Deutsch. Sie musste es im Eiltempo lernen, sich an die neue Umgebung und Kultur gewöhnen. Damit war das Mädchen schlichtweg überfordert. Sie fehlte oft in der Schule und hatte kaum mehr Lebensfreude.

Der Wechsel von der Real- in die Hauptschule tat ihr gut. Plötzlich konnte sie dem Unterricht folgen, ihre Deutschkenntnisse wurden immer besser. Mit 17 durfte sie einen kostenlosen Sprachunterricht beim Jugendmigrationsdienst besuchen. So verbesserte sie auch ihre Englischkenntnisse wesentlich. Sie schaffte den Realschulabschluss und geht nun als 21-Jährige aufs Abendgymnasium, um das Abitur zu machen.

Der Sprachkurs war für Valentina Schmidt der eigentliche Schritt zur Integration: "Seit ich ihn besucht habe, fühle ich mich viel wohler in Ulm." Sie half bei vielen Aktionen der Caritas - "für den kostenlosen Unterricht wollte ich auch etwas leisten. Dabei lernte ich viele nette Leute kennen." So kam sie zum Ehrenamt: Sie will ehrenamtlich etwas zurückgeben, was sie ehrenamtlich empfangen hat. Damit andere Einwanderer aus Russland es leichter haben, arbeitet sie seit zwei Jahren beim Jugendmigrationsdienst mit und gibt russischen Kindern und Jugendlichen Deutschunterricht. Der Dienst gehört zu "In Via", einem katholischen Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit.

Einer ihrer Nachhilfeschüler besucht nun das Gymnasium. "Es war nicht mein alleiniges Verdienst, er hatte schon gute Vorkenntnisse und war sehr ehrgeizig", erzählt Valentina Schmidt bescheiden. Seit März betreut sie einen Jungen und ein Mädchen, beide sind erst seit Februar in Deutschland. Die 13- und 17-jährigen Geschwister sind sehr strebsam. Valentina Schmidt schreibt mit ihnen Diktate, bringt ihnen die deutsche Grammatik bei und übersetzt auch mal Behördenbriefe, wenn die Schüler und ihre Eltern damit nicht klarkommen. Aus der Stadtbibliothek holt Schmidt Bücher mit lustigen Geschichten und übersetzt sie gemeinsam mit ihren Schülern. Große Probleme haben sie mit den Artikeln. "Daran muss man sich gewöhnen, die gibt es in unserer Sprache nicht."

Zweimal in der Woche triff sie sich mit ihren Schülern für jeweils anderthalb Stunden. Ganz nebenbei büffelt sie für ihr eigenes Abitur, und sie geht arbeiten. Die Schüler haben durch Valentina Schmidt einen großen Vorteil: Sie hat dasselbe durchgemacht wie ihre Nachhilfeschüler, sie kennt und versteht beide Kulturen. Sie erklärt ihren Schützlingen, worauf es in Deutschland ankommt. Valentina Schmidts Stoßseufzer: "Ach, hätte ich von Anfang an auch so eine Hilfe bekommen, dann wäre einiges bei mir in der Schule besser gelaufen."