Digitalisierung Flugsimulator „Birdly“: Berblingers Traum wird virtuell wahr

Birdly verleiht Flügel: Wer genau hinschaut, erkennt Gunter Czisch. Der ist gerade damit beschäftigt, sich in den intuitiven Flugsimulator hineinzufühlen und virtuell über der Stadt zu schweben, Absturz inklusive. Im Hintergrund das Bild, das er vor Augen hat.
Birdly verleiht Flügel: Wer genau hinschaut, erkennt Gunter Czisch. Der ist gerade damit beschäftigt, sich in den intuitiven Flugsimulator hineinzufühlen und virtuell über der Stadt zu schweben, Absturz inklusive. Im Hintergrund das Bild, das er vor Augen hat. © Foto: Demodern GmbH
Ulm / Christine Liebhardt 30.05.2017
Mit dem interaktiven Flugsimulator Birdly können Ulmer bald ihre historische Altstadt von oben erkunden. Ein Schritt weiter zur Digitalisierung der Stadt.

Erstmal orientieren. Wo befinde ich mich? Offensichtlich in der Nähe der Donau: Man sieht den Metzgerturm, schlägt mit seinen Flügeln, gleitet über die Stadtmauer. Hört das Plätschern des Wassers, fühlt sanften Wind im Gesicht. Steuert dann, natürlich, auf das Münster zu, dessen Turm noch eingerüstet da steht, denn man ist ja auf Zeitreise, es ist erst 1890. Die Glocken läuten, eine Taube landet auf einer Gaube. Man schraubt sich den Turm hoch, und wenn man sich traut, geht es im Sturzflug hinunter in die Gassen der Altstadt.

Zurück in die reale Welt

Dann ist die Zeit abgelaufen. Man nimmt Brille und Kopfhörer ab – und ist plötzlich sehr verblüfft, im hippen Backsteinbüro der Digitalagentur Demodern im Hamburger Schanzenviertel zu stehen, zurück aus der virtuellen in der realen Welt des Jahres 2017. Die längst Vergangenes wiederauferstehen lässt: Birdly heißt der Simulator, mit dem man flach auf dem Bauch liegend das Gefühl des Fliegens am ganzen Körper erfahren kann. Gerade mal 18 solcher Geräte gibt es auf der Welt, vier in Europa und vom 15. Juli an auch eines in Ulm in unmittelbarer Münsternähe. Womit die Stadt wieder einmal zeigen will, wie ernst sie es meint mit der Digitalisierung.

„Das ist kein Solitär, sondern fügt sich ein in unsere Ulm Stories“, sagte Oberbürgermeister Gunter Czisch am Dienstag bei der Präsentation. Berblingers Traum vom Fliegen, das bürgerschaftlich getragene Münster, Mobilität und digitale Transformation im 21. Jahrhundert: All das finde sich im Birdly wieder, all das soll auch der Standort in der Kramgasse symbolisieren. „Das ist nicht bloß ein Spielzeug, sondern ein Stück Stadtentwicklung.“ Nach seinem ersten Testflug inklusive Abstürzen wurde der OB dann zwar etwas einsilbiger: „Einmalig“ sei es gewesen und „klasse“, und dann doch: „Man muss sich im Kopf dran gewöhnen und loslassen.“

Eine Herausforderung war der Auftrag auch für die Designer und Programmierer von Demodern. „Wir haben als erste eigene Inhalte für das Gerät entwickelt“, erzählt Christopher Baumbach, leitender Entwickler. „Es soll an jeder Ecke was zu sehen geben.“ Und die Szenerie muss lebendig wirken, auch ohne Menschen, für die man zu große Abstriche anderer Stelle hätte machen müssen. Die Ulmer sind deshalb offiziell gerade alle im Gottesdienst im fast vollendeten Münster. Stattdessen gibt es Vögel und andere Tiere, Mehlsäcke, Holzpaletten – und Licht und Schatten, wofür die Agentur sogar ein eigenes Werkzeug entwickelt hat.

Das Team ist eigens nach Ulm gefahren und hat viel Zeit in die Recherche gesteckt, erzählt Projektmanagerin Deborah Montag: „Die Grundlage war ein Plan aus dem Stadtarchiv, daraus haben wir alles nachgebildet.“ Ein ganzer Quadratkilometer Stadtszenerie, 2000 historische Wohnhäuser nach echtem Vorbild. Das Münster und weitere elf markante Gebäude wie Metzgerturm, Schwörhaus und Engländer wurden erstmals eins zu eins in 3D modelliert. Frei wie ein Vogel kann man sich durch die Stadt bewegen, alles anschauen – drei Minuten lang, dann ist der Traum vom Fliegen schon wieder vorbei.

Fast so spannend wie der Flug selbst ist es, anderen Menschen dabei zuzuschauen. Manche gleiten gemächlich in großer Höhe dahin, hat Christopher Baumbach beobachtet. Manche wollen alle Details sehen und gehen sofort in den Sturzflug. Und wieder andere bleiben die ganzen drei Minuten lang am Münster hängen. Das sind dann wohl die Ulmer.

Ulm Stories und das Goldene Ei

Dreiklang „Der Traum vom Fliegen“ ist nur ein Teil der Ulm Stories, einem Multi-Plattform-Projekt der Berliner Interactive Media Foundation in Kooperation mit der Stadt Ulm und der Münstergemeinde. Unter dem Motto „Vergangenheit trifft Zukunft“ gibt es am 14. Juli die „Resonanzen“ im Ulmer Münster – eine audiovisuelle Konzertperformance. Drittes Projekt sind die „Stimmen des Münsters“, eine szenisch angelegte Audio-Erlebnis-App.

Finanzierung Die Familie Kress, Gründer von Gardena, stellt Software und Hardware, die Stadt finanziert die Räumlichkeiten und den täglichen Betrieb. Ein Flug im Birdly soll 4 Euro kosten.

Ausgebrütet Ein Goldenes Ei ist eine Woche lang durch Ulm gewandert – vor allem durch die Sozialen Medien (wir berichteten). Gelegt hatte es die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Ulm, die damit Aufmerksamkeit für den Traum vom Fliegen generieren wollte. Geschlüpft ist am Dienstag dann ein Vogel – der Birdly.

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