Themen in diesem Artikel

Missbrauch
Neu-Ulm / Chirin Kolb  Uhr

Die Anruferin ist deprimiert. Sie weiß nicht mehr weiter, sagt sie, fühlt sich am Ende. Eine andere klagt über Probleme in der Ehe, Schwierigkeiten mit den Kindern. Die nächste berichtet von einer tiefen Lebenskrise. Anrufe wie diese bekommt Andrea Gaier oft. Die Sozialpädagogin vom „Notruf und Beratung für Frauen“ lässt den Anruferinnen Zeit. Erst nach und nach, manchmal erst im persönlichen Gespräch, offenbart sich, was hinter den geschilderten Problemen steckt: ein sexueller Missbrauch.

Andrea Gaier hat den Notruf für Frauen der Arbeiterwohlfahrt Neu-Ulm mit aufgebaut. Sie arbeitet seit 1985 bei der Awo, war im Frauenhaus tätig, wo die Beratungsstelle anfangs angesiedelt war. 1988, vor 30 Jahren, wurde sie als Modellprojekt in Bayern anerkannt und bald danach räumlich und personell vom Frauenhaus getrennt. Sexualisierte Gewalt war von Anfang an Schwerpunktthema der Beratungsstelle – auch wenn es anfangs nicht gleich im Vordergrund der Gespräche stand. Aber das hat sich geändert.

Ein längerer Prozess

Viel häufiger als früher nennen Frauen, die sich an Andrea Gaier und ihre Kolleginnen wenden, sexuellen Missbrauch als Grund für ihre Kontaktaufnahme. „Sexualisierte Gewalt ist nicht mehr tabuisiert“, sagt Andrea Gaier. „Das war ein längerer Prozess.“ Öffentlichkeitsarbeit habe eine Rolle gespielt, gesellschaftlicher Wandel, aber auch neue Gesetze. Vergewaltigung in der Ehe ist seit 1997 strafbar, das Gewaltschutzgesetz 2002 ermöglicht den Platzverweis für Gewalttätige, und seit 2007 ist Stalking ein Straftatbestand.

Dennoch kommt es vor, dass Frauen auch den Mitarbeiterinnen des Awo-Notrufs gegenüber nicht gleich über sexuellen Missbrauch sprechen wollen. Manche wollen das sogar nie. Zu Gesprächen oder in die Gruppe für Frauen, die sexuellen Missbrauch in der Kindheit erlebt haben, kommen sie trotzdem. „Es tut ihnen gut“, sagt Anneliese Wolf. „Sie spüren: Wir können damit umgehen.“

Sexueller Missbrauch in der Kindheit prägt oft ihr Leben lang. Eine Betroffene schildert, wie sie lernte, zu sich selbst zu finden.

Andrea Gaier, Anneliese Wolf oder die kürzlich in den Ruhestand gegangene langjährige Mitarbeiterin Anita Bay-Dieterle werten nicht. Sie stehen auf der Seite der Frauen, die sich an sie wenden. Ihnen bieten sie Hilfe und Unterstützung an. „Wir orientieren uns an dem, was die Frauen wollen“, sagt Andrea Gaier. „Das Wichtigste ist herauszufinden, was die einzelne Frau braucht.“

Dabei hilft es schon, eine Anruferin zu stabilisieren. Oder im persönlichen Gespräch in den Beratungsräumen eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Frauen wohl fühlen. Dazu gehört für Andrea Gaier zum Beispiel, dass sie während eines Gesprächs nicht das Telefon abnimmt. „Die Frau soll wissen: Es geht jetzt nur um sie.“

Die Mitarbeiterinnen möchten die Frauen unterstützen, trotz dem Erlebten neue Stärke zu entwickeln und ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Taten, die vielleicht sogar Jahrzehnte zurückliegen, müssen das Leben nicht dominieren. Andrea Gaier formuliert es so: „Jede Frau hat Einfluss auf ihr Leben.“  Die Mitarbeiterinnen wollen dabei helfen, die Macht des Täters und der Tat auf das Leben des früheren Opfers zu begrenzen. Dazu gehört es, Erlebtes zu verarbeiten, für sich selbst neue Möglichkeiten und Wege zu finden, eigene Stärke zu entdecken, Schuld- und Schamgefühle abzubauen. Wichtig sei es auch, eigene Grenzen kennen zu lernen und sie durchzusetzen – also Nein zu sagen.

Wohltukärtchen gestaltet

All das hat die Künstlerin Tanja Hauser in hübsch gestalteten „Wohltukärtchen“ zum 30-jährigen Bestehen der Beratungsstelle dargestellt. Da ist zum Beispiel eine Frau mit einem Krönchen auf dem Kopf zu sehen. Darunter stehen Sätze wie „Ich bin wichtig“ oder „Ich verdiene Respekt“. Oder eine Seiltänzerin mit einem Blumenstrauß in der Hand und dem Satz „Mein Weg erstaunt mich immer wieder.“ Mit diesen „Wohltukärtchen“ arbeiten die Mitarbeiterinnen auch in den Beratungsgesprächen. Sie können den Ratsuchenden aber auch als Ermutigung zu Hause dienen.

Eine Besonderheit des Notrufs sei es, dass Frauen schnell und ohne lange Wartezeit einen Beratungstermin erhalten, sagt Andrea Gaier. Selbst abends – die Mitarbeiterinnen wollen auch da auf die Bedürfnisse der Frauen eingehen. Sie können sich anonym an die Beratungsstelle der Awo wenden und müssen für die Gespräche auch nichts bezahlen. „Dafür sind wir unserem Träger, der Arbeiterwohlfahrt Neu-Ulm, sehr dankbar“.

Ein gutes Signal

Neben den Beratungsgesprächen bieten die Mitarbeiterinnen auch Begleitung zu Polizei, Ärzten, Rechtsanwälten oder bei Gerichtsprozessen an, sie vermitteln weitergehende Hilfen und machen Öffentlichkeitsarbeit. Zum Beispiel mit einem Plakat, für das sich Männer fotografieren ließen, darunter OB Gerold Noerenberg und Landrat Thorsten Freudenberger. „Wir sind gegen sexualisierte Gewalt an Frauen“, heißt es da in roter Schrift. Die Awo-Frauen freuen sich über diese Unterstützung: „Es ist ein gutes Signal, wenn sich Männer zu dieser Aussage bekennen.“

Info Notruf und Beratung für Frauen, Silcherstraße 45 in Neu-Ulm, sind erreichbar unter Tel. (0731) 737 37, E-Mail notruf@awo-neu-ulm.de.

Arbeiterwohlfahrt ermöglicht kostenlose Beratung

Finanzierung Notruf und Beratungsstelle für Frauen werden vom Ortsverein Neu-Ulm der Arbeiterwohlfahrt getragen. Er ermöglicht Frauen, die Beratung kostenlos in Anspruch zu nehmen. Die Kosten für die Beratungsstelle, die Miete und die beiden halben Stellen summieren sich auf rund 100 000 Euro pro Jahr. „Das ist heftig für uns“, sagt die Awo-Vorsitzende Friederike Draesner. „Der Notruf war schon immer unser Sorgenkind, was die Finanzierung angeht.“

Trägeranteil Für Angebote wie dieses ist normalerweise vorgesehen, dass der Träger 10 Prozent der Kosten beisteuert. In diesem Fall seien es 45 Prozent, sagt Draesner. „Wir können das nur stemmen mit Spenden und Bußgeldzuweisungen.“

Beratungen in den 30 Jahren des Bestehens haben die Mitarbeiterinnen mehr als 18 000 Beratungskontakte gezählt. 1770 Frauen wurden in persönlichen Gesprächen beraten.