Am Ende der Ausstellung möchte man nochmal an den Anfang zurück. Alles vergessen, was man über die Künstler erfahren hat und sich nur von der expressiven Wucht der Werke überwältigen lassen. Einfach die Kunst auf sich wirken lassen.

Aber dabei steht sich in der Stadthaus-Schau "wahnsinn sammeln" der Betrachter womöglich selbst im Weg: Dort ist jetzt die Sammlung von Gerhard und Karin Dammann zu sehen, und solche "Outsider Art", Kunst von psychiatrisch erkrankten Menschen, bewegt sich stets auf dem schmalen Grat, wo der Blick auf die künstlerische Welt kaum ohne die biografische Perspektive möglich scheint.

"wahnsinn sammeln" ist eine wunderbar doppeldeutige Bezeichnung. Denn gemeint ist auch der Sammlerwahnsinn: "Es gibt Sammler, die mehr sammeln, als sie sich eigentlich leisten und als sie hängen können - da stecken meine Frau und ich ziemlich drin", gesteht Gerhard Dammann gestern beim Ausstellungsrundgang lachend ein. 130 Arbeiten von 54 Künstlern sind im Stadthaus zu sehen, rund 40 Prozent der Sammlung.

Der kunstsinnige Dammann hätte einst selbst gern eine Geisteswissenschaft studiert, aber das gute Abitur lenkte ihn in Richtung Medizin. Schon als Student kam er in Kontakt mit der Kunst von Psychotikern und Psychiatriepatienten: Er war Praktikant in der berühmten Sammlung Prinzhorn der Uni Heidelberg. Er erwarb erste Werke der "Outsider Art" und "Art Brut". Heute leitet er die Psychiatrische Klinik Münsterlingen am Bodensee und die Psychiatrischen Dienste Thurgau - und besitzt mit seiner Frau eine große Sammlung.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts widmen sich Psychiater dieser Kunst. Heute ist sie etabliert, interessiert sich der Kunstmarkt für sich - mittlerweile gern ohne das Etikett der "Outsider Art". Doch auch wenn Dammann sagt, er sehe in den Werken nicht unbdeingt die Krankheiten, sei es die Schizophrenie, sei es das Manische: Weder der Sammler noch der Betrachter kann sich völlig frei machen von den Werdegängen, Schicksalen, Diagnosen dieser Künstler. Groß ist die Gefahr der Projektion - aber groß ist auch die expressive Wucht vieler Werke, und das macht diese Ausstellung so sehenswert.

Viele der Arbeiten sind von einer unmittelbaren, existenziellen Kraft. Etwa Louise Tournays Kleinplastiken: entstellte Gesichter, verzerrte Züge, geschmerzter Ausdruck, zerfließende Torsi. Oder die dissoziierten, verwachsenen, vervielfachten Körper des Kroaten Sava Sekulic. Oder die Werke Giordano Gellis, fratzenhafte Ton-Gesichter, die einen stumm schreiend anstarren, aber auch Großformate mit energischem Strich und intensiven Farben.

Zuweilen meint man kunsthistorische Verweise zu erkennen, hier Beckmann, dort Klee, und eine Violinenskulptur Gustav Mesmers, dem "Ikarus vom Lautertal", erinnert an Braque. Doch ist die entscheidende Gemeinsamkeit der ausgestellten Künstler: Keiner hat einen akademischen Hintergrund. Umso näher ist Jean Dubuffet mit seiner Art-Brut-Theorie um unverbildete, rohe, archaische Kunst.

Dammann hat zu vielen Werken Anekdoten zu erzählen, mal amüsant, oft beklemmend. Etwa zum Rumänen Ionel Talpazan, der unablässig durch die Straßen New Yorks läuft und Ufos malt. Oder zu Paul Humphreys Serie "Sleeping Beauty": Hunderte Buntstiftzeichnungen seiner schlafenden Tochter und ihrer Freundinnen hat der Amerikaner angefertigt. Nach Humphreys Tod stellte sich heraus, dass er gar keine Tochter hatte. Viele der Werke im Stadthaus sind Zeugnisse von Obsessionen, leben von individuellen Ikonografien und privaten Mythologien, künden von hermetischen Gedankenwelten.

Staunen machen da etwa die Werke Martin Erhards. Der oberbayrische Sonderling und Bergarbeiter hat sich mit der Ober- und der Unterwelt befasst: Zum einen hat er über viele große Blätter hinweg imaginäre Bahnlinien und topografische Studien gezeichnet, zum anderen finden sich detaillierte Fantasien zu Folterkellern, Beschreibungen einer tiefen "Schinderburg".

Faszinierend sind die vielschichtig typografischen Bilder August Wallas. In ihrer Finsterkeit verstörend anziehend ist Hans Schärers Sack-Madonna. Ja, viele Werke lassen Abgründe und Schmerz erahnen, doch auch Witz bricht sich Bahn, zum Beispiel in Michel Nedjars voodoohaften Kleinfiguren aus Abfällen, Trödel, Lumpen.

Körperwahrnehmung, Religion und Sexualität sind Hauptthemen. Und immer wieder Schattenwelten, Dämonen, Hexen. "Wir haben viele Teufel in unserer Sammlung", weiß Gerhard Dammann. Und doch: Wo der klinische Alltag seines Berufs so viele bedrückende, lethargische Aspekte habe, zeige diese Kunst eine "leuchtende, tröstliche Seite der Psychiatrie".

Eröffnung am Sonntag

Sammler Die Ausstellung "wahnsinn sammeln" wird morgen, Sonntag, 11 Uhr, im Stadthaus eröffnet. Sie ist bis zum 8. März zu sehen. Am Sonntag, 18. Januar (11 Uhr), und am Donnerstag, 26. Februar (18 Uhr), führt der Sammler Gerhard Dammann selbst durch die Schau. Zu seiner Sammlung sind zwei Kataloge erschienen: Ein Band kostet 25 Euro, zusammen kosten sie 40 Euro.