Bauarbeiten Linie 2 in Ulm: Baustellen führen zur Pleite

Sonja Zwick in ihrem Laden, den sie nun aufgibt.
Sonja Zwick in ihrem Laden, den sie nun aufgibt. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / Ulrike Schleicher 12.02.2018
Am Ulmer Eselsberg schließen drei Geschäfte, weil – wie die Inhaber sagen – ihnen aufgrund der Linie 2 die Kunden wegbleiben.

Ende März ist der Traum von Sonja und Richard Zwick ausgeträumt: Nach gut vier Jahren müssen sie ihren Zeitschriftenladen mit Poststelle am Eselsberg aufgeben. In den vergangenen Monaten haben sie in ihr Wunschprojekt „mehr Geld reingesteckt als rausgeholt“, sagt die gelernte Bankkauffrau. „Auf Dauer geht das nicht.“ Dabei hatte das Ehepaar aus Senden damals ein gut gehendes Geschäft übernommen und eine entsprechend hohe Ablöse gezahlt. Aber: „Die Straßenbahnbaustelle hat uns das Genick gebrochen.“ Die Kunden seien weg geblieben.

Zuerst wurde der Mähringer Weg zur Einbahnstraße. Alle, die oben am Eselsberg wohnen, führte der Weg nach Ulm nur noch  über den Weinbergweg. Dann gab es Bauphasen, „wo der Bagger direkt vor der Ladentür war – und alte Leute weder klettern noch andere durch den Schmutz waten wollten“, sagt die 51-Jährige.

Dreh- und Angelpunkt

Die schlimmste Auswirkung laut Sonja Zwick war jedoch die Verlegung der Bushaltestelle, die direkt vor der Ladentür war. Alle, die auf den Bus gewartet hätten oder von der Stadt gekommen seien, hätten eben noch schnell dieses und jenes gekauft und erledigt. „Es war ein Dreh- und Angelpunkt.“ Seitens der Stadt habe man keine Hilfe bekommen – die Ombudsfrau des Gemeinderats, Dr. Rottraut Schäfle, habe ihr mal zugehört. „Das war’s.“ Zum Glück habe ihr Mann einen Vollzeitjob bekommen, sie werde künftig in Senden auf der Post arbeiten. „Schade ist es trotzdem.“

Bedauerlich findet es auch Bäckermeister Frank Stimpfle, dass er seine Filiale zum 1. Dezember vergangenen Jahres aufgeben musste. Sie befand sich in Blickweite des Zeitschriftenladens. „Es hat sich nicht mehr gelohnt.“ Er wollte sich nicht darauf verlassen, dass die Straßenbahn Ende dieses Jahres fahre. Dafür habe auf der  Baustelle zu oft Stillstand geherrscht: „Die Einbahnstraße hätte doch schon längst aufgegeben werden können. Kein Mensch versteht, wieso das alles so stückchenweise gebaut wird.“ Auch wenn die Straßenbahn eventuell Vorteile bringe: So viel Durchhaltekraft hätten kleine Ladenbesitzer eben nicht. Auch bei ihm hätte der Bagger phasenweise „bis in die Ladentür gegraben, da konnte keiner mehr rein“.

Gebaggert wurde vor dem Geschäft „Manus Seifenoper“ von Manuela Roth nie. Trotzdem sei sie vom Verkehr abgeschnitten worden, sagt sie. „Meine Kunden kommen von außerhalb mit dem Auto, aber viele geben inzwischen entnervt auf.“  In dem nostalgisch eingerichteten Raum „Am Bleicher Hag“ verkauft sie seit Juli 2011 sahnige Körpercremes, Seifen und Badezusätze ohne chemische Zusätze aus eigener Produktion.

Begonnen habe das Dilemma mit der Sperrung der Behringer Brücke und den Umleitungen zum Eselsberg. „Da versagt das Navi und dann stehen die Leute in der Stuttgarter Straße am Friedhof.“ Nun sei die Baustelle der Fernwärme Ulm dazu gekommen. „Vom Weinbergweg kommend, darf man nicht mehr in die Straße hierher abbiegen. Nur wenn man von der Blaubeurer Straße herkommt.“

Einkauf im Internet

Sie begreift nicht, warum die Stadt Ulm alles gleichzeitig baue. Das Chaos sei so groß, dass viele ihrer Bekannten aus dem Umland nicht mehr zum Einkaufen herkämen. „Die bleiben für immer weg, gehen woanders hin oder kaufen im Internet – genau das, was man ja angeblich nicht will.“ Die Folge: Vor allem die besonderen Läden verschwänden aus dem Stadtbild: „Inhabern geht wie mir das Geld aus.“ Übrig bliebe „Einheitsbrei“. Für die 51-Jährige geht mit der Schließung des Ladens und der Produktionsstätte ein großer Traum zu Ende. „Hier steckt mein Erspartes und meine Leidenschaft drin.“ Aber sie hat Glück. Der Onlineverkauf läuft ausgezeichnet und so „produziere ich künftig von Zuhause in Roggenburg aus“. Da fänden ihre Kunden auch leichter hin.

Nachfolger stehen in den Startlöchern

Inhaber Kunden werden weiter im Zeitschriftenladen am Stifterweg einkaufen können. Der Eigentümer des Hauses will laut Sonja Zwick den Laden nach dem gleichen Konzept ab dem 1. April weiter betreiben. In der ehemaligen Bäckerei Stimpfle wird demnächst ein Nahrungsmittelgeschäft einziehen, das die Sozialfirma „Grüner Zweig“ betreibt. 

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