Bartóks mitreißende Heimatgefühle

Simon Gaudenz dirigierte die Philharmoniker im CCU. Foto: Volkmar Könneke
Simon Gaudenz dirigierte die Philharmoniker im CCU. Foto: Volkmar Könneke
JÜRGEN KANOLD 10.04.2014
Wenn alle Musiker solistisch glänzen: Béla Bartóks "Konzert für Orchester" stand auf dem Programm der Ulmer Philharmoniker im voll besetzten CCU. Die Leitung hatte Gastdirigent Simon Gaudenz.

Unter einem Gastdirigenten traten die Ulmer Philharmoniker zum 3. Sinfoniekonzert der Saison an, und das war dann, bezüglich der Mannschaftsaufstellung, fast wie beim Fußball: Der Neue verschiebt die Positionen. Simon Gaudenz setzte die Bratschen nach rechts vorne, rückte auch die Kontrabässe von rechts nach links und holte dafür die 2. Violinen gewissermaßen von Rechtsaußen ins linke defensive Mittelfeld, um sie dort mit den 1. Violinen zur klangreichen Geigentruppe zu vereinigen. Ansonsten stand dieser Abend jedoch programmatisch im Zeichen der "Liebe zur Heimat". Geografisch gesehen war damit Osteuropa gemeint, mit Werken von Bedrich Smetana, Leos Janácek und Béla Bartók.

Ein Philharmonisches Konzert pro Saison überlässt Generalmusikdirektor Timo Handschuh einem jungen Gast: Diesmal durfte sich ein Schweizer, der 39-jährige Gaudenz aus Basel, 2009 ausgezeichnet mit dem Deutschen Dirigentenpreis, mit klangvoller, tänzerischer, rhythmisch raffinierter Musik präsentieren. Und er debütierte mit einem Klassik-Hit in Ulm: der "Moldau". Die floss sehr bewegt, aber auch etwas egal dahin. Schöne Wiedererkennungswerte gabs mit dieser sinfonischen Dichtung Smetanas aus dem "Vaterland"-Zyklus, die klanggeballten Violinen blühten prächtig auf, flott zog die Moldau an der Bauernhochzeit vorbei, aber ein rauschhaftes, intensives Drama entwickelte sich am Ende nicht.

Gaudenz, der ein Dirigent mit großen Gesten ist, vermochte die Philharmoniker anfangs noch nicht unter Höchstspannung zu setzen. Was auch ein schwieriges Unterfangen war: Denn das Theater Ulm hatte vergessen, dass es nur über ein C-Orchester mit 56 Musikern Sollstärke verfügt. Am Sonntag der "Rosenkavalier", gestern Abend ein weiterer "Rosenkavalier"-Kraftakt und dazwischen das Philharmonische Konzert - solche Strecken absolvieren auch zweieinhalbmal größere Staatsopernorchester selten.

"Sechs Lachische Tänze" des Mähren Leos Janácek von 1890 folgten: eine effektvolle sinfonische Volksmusik, die nicht wirklich viel mit den expressiven Sprachmelodien des Opernkomponisten zu tun hat, aber doch zeigt, wie genau Janácek auf dem Lande zugehört und gesammelt hat. Tanz-Motive ohne Ende. Eine Heimatkunde, musikantisch dargeboten.

Was Sehnsucht nach der Heimat ist, das machte Béla Bartóks großartiges "Konzert für Orchester" bewusst - komponiert 1943 vom todkranken Ungarn im amerikanischen Exil. Eine Sinfonie zwischen Weltkriegsrealität, Folklore, Moderne und ironischer Nostalgie. Vom nebelverhangenen Klagelied bis zum Operetten-Furioso: Wenn im Intermezzo plötzlich die Melodie "Da geh ich ins Maxim" aus Lehárs "Lustiger Witwe" herumtobt. "Konzert für Orchester" heißt: Das ganze Orchester muss solistisch brillieren. Und das taten die Philharmoniker. Simon Gaudenz gelang eine mitreißende Aufführung, klangfein und voller Elan rhythmisch zugespitzt. Großer Beifall.