Konzertreihe Barockes Oratorien-Pasticcio in Roggenburg

Intendant Benno Schachtner als Countertenor beim Diademus-Festival in der Klosterkirche in Roggenburg.
Intendant Benno Schachtner als Countertenor beim Diademus-Festival in der Klosterkirche in Roggenburg. © Foto: Maria Müssig
Roggenburg / Burkhard Schäfer 04.09.2018

Man versuche spaßeshalber, sich ein spätromantisches Opern-Pot­pourri vorzustellen, gemixt aus einer Ouvertüre von, sagen wir, Verdi, mit Arien von Wagner, Chören von Puccini und Zwischenspielen von Tschaikowski. Die Vorstellung ist schwierig: Zu heterogen sind die Stile der Komponisten.

Gehen wir von der Romantik aus aber rund 150 Jahre zurück ins Zeitalter des Barock und hin zur Gattung des Oratoriums, dann sieht die Sache völlig anders aus. Im Barock war die Formensprache und musikalische Grammatik – bei allen Freiheiten, die sich die Komponisten im Einzelnen nehmen konnten – verbindlicher, zweckorientierter, dabei höfisch und kirchlich gebunden und, vor allem, nicht säkularisiert.

Wenn es in der abendländischen Musikgeschichte je eine Lingua franca gegeben hat, dann in der Zeit von Bach, Händel, Telemann & Co. Vielleicht ist es genau das, was uns scheinbar aufgeklärte Menschen so an der Musik zwischen 1600 und 1750 fasziniert. Ist also ein Oratorien-Pasticcio möglich und machbar, das (fast) alle Stars der Epoche in einem Werk zusammenbringt, und zwar so, dass das klingende Ergebnis überzeugt und geradezu überwältigt, ja zu Tränen rührt?

Es ist, und kein geringerer als der Festival-Intendant Benno Schachtner selbst war am Sonntag in der vollbesetzten Roggenburger Klosterkirche angetreten, den Beweis dafür zu liefern. Um das von ihm kompilierte und in dieser Form noch nie aufgeführte Pasticcio auf die Bühne zu bringen, hatte Schachtner, der zugleich als Dirigent, Countertenor und Cembalist agierte, einen der besten deutschen Barock-Klangkörper engagieren können: das Händelfestspielorchester Halle. Den Hallensern ebenbürtig zur Seite standen die Diademus-Vocalisten (Jessica Jans, Isabel Schicketanz und Carine Tinney, Sopran; Jennifer Gleinig, Alt; David Erler, Countertenor; Daniel Schreiber und Henning Jensen, Tenor; Martin Schicketanz, Tobias Berndt und Hugo Oliviera, Bass).

Den roten Faden, an dem Schachtner die einzelnen Stücke seines Pasticcios – Arien, Duette, Choräle und rein instrumentale Einlagen wie etwa die „Symphony“ aus Händels „Israel in Egypt“ – nicht nur wie Perlen, sondern geradezu wie funkelnde Juwelen aufgereiht hatte, bildete das Kirchenjahr: von Advent und Weihnachten über die Passionszeit bis hin zur Auferstehung und Himmelfahrt.

Wie es sich für ein richtiges barockes Oratorium gehört, ging es aber los mit einem Prolog, für den Schachtner Händels Ode für Queen Anne „Eternal source of light devine“ ausgewählt hatte. Es war das erste und leider auch einzige Mal an diesem Abend, dass das Publikum sich an seiner makellosen Countertenor-Stimme erfreuen durfte. In der später erklingenden Arie „If yet his sin be not too great“ aus Händels „Saul“ war es dann David Erler, der mit seiner Falsett-Stimme nicht weniger begeisterte.

„Halleluja“ aus „Saul“

Doch damit nicht genug. Zusätzlich zu den nahtlos aneinanderpassenden Puzzle-Teilen des Pasticcios war Heike Viefhaus aufgerufen, den musikalischen Fluss an markanten Stellen zu unterbrechen, um Gedichte von Rainer Maria Rilke zu rezitieren. Wobei das Wort „Unterbrechung“ hier fehl am Platz ist, denn Rilkes poetische Reflexionen auf „das sanfteste Gesetz“ und „alles noch nie Gesagte“ vertieften und ergänzten die Musik vielmehr, zumal Viefhaus die Gedichte kongenial in Szene setzte.

Als zum Schluss Händels „Halleluja“ erklang, nein, klugerweise nicht das aus dem „Messias“, sondern aus „Saul“, kannte die Begeisterung fast keine Grenzen mehr. Zum Dank spielten die Musiker eine der berührendsten und schönsten Arien des Meisters: „Lascia ch’io pianga“. Nicht zuletzt mit diesem triumphalen Abschlusskonzert hat das Diademus-Festival sich als eine „Leuchtturm-Ver­anstaltung weit über die Region hinaus“ etabliert, wie Benno Schachtner es nach dem Konzert zu Recht titulierte.

Durchgängig sehr gut besucht

Ausblick Mit gelungenem Gesamtkonzept und durchgängig sehr gut besucht – insgesamt kamen 1150 Besucher – zeigte sich das Diademus-Festival Roggenburg 2018 bei seinem musikalischen Reigen von der frühen Neuzeit bis zum Barock. Intendant Benno Schachtner plant für 2019 etwas Neues: Einen Artist in Residence, der mit unterschiedlichen Programmen zu erleben sein wird. Außerdem hat Schachtner einen „Brückenschlag in die Spätromantik“ im Sinn.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel