Martialisch geht es draußen und drinnen zu. Und doch sind die Diskrepanzen absurd. Draußen dominiert am Samstag bereits seit den frühen Nachmittagsstunden die Farbe  blau. Ein massives Polizeiaufgebot kontrolliert sämtliche Zugänge zum Industriegebiet Donautal in Ulm. Dort findet am Abend in einer gemeinhin für türkische Hochzeitsevents genutzten angemieteten Halle eines der größten Rockertreffen Deutschlands statt. Die „Bandidos“, der nach den „Hell’s Angels“ weltweit zweitgrößte und reichlich berüchtigte Motorrad- und Rockerclub, feiern das 20-jährige Bestehen ihrer deutschen Sektion. 1800 harte Jungs und auch ein paar harte Mädels in ihrem Schlepptau werden erwartet.

Aus allen Teilen Deutschlands, aber auch aus Benelux, Frankreich, Spanien, Skandinavien, der Ukraine und aus Russland trudeln sie am frühen Abend ein – in Bussen und Autos, es  ist nun mal kein Motorradwetter. Einer, Typus Wikinger, hat den weiten Weg aus Island auf sich genommen. Polizisten mit umgehängten Maschinenpistolen stoppen die Konvois: Es gibt Ausweiskontrollen, so mancher Insasse muss aussteigen, Polizeikameras surren. Doch der Ton ist gesittet. Auf beiden Seiten.

Bandidos in Ulm Geburtstagsfeier der Bandidos in Ulm von großem Polizeiaufgebot begleitet

Bandidos in Ulm: Drinnen tragen sie ihre Kutten

Drinnen, im rauchgeschwängerten und drückend vollen Partytempel an der Benzstraße, dominieren am Abend die Farben rot und gelb. Wer die Sicherheitsschleusen passiert hat, sieht: Fast alle Bandidos haben ihre Kutten angelegt, überwiegend mit jenen Emblemen wie etwa dem bewaffneten Mexikaner drauf, der in Deutschland seit 2017 nicht mehr gezeigt werden darf. Seither gilt eine Verschärfung des Vereinsrechts im Kampf gegen organisierte Bandenkriminalität im Jahr 2017 nicht mehr öffentlich gezeigt werden dürfen. In geschlossenen Räumen gilt das Verbot freilich nicht.

So respekteinflößend die meisten Gäste aussehen – es dominieren bullige Staturen, Glatzen, Bärte, Tätowierungen bis zum Hals, viel Metall um den Hals und an den Fingern – so gesittet geht es zu. Man sitzt in Gruppen an Tischen, trinkt Bier oder Softdrinks und wartet, bis das Bühnenprogramm mit Ehrungen alt gedienter Mitglieder losgeht. Als das Buffet eröffnet wird, es gibt Schweinebraten mit Kartoffelpüree oder Spätzle auf Plastiktellern, stellen sich die Banditen brav in einer Endlos-Schlange an. Für den späteren Abend ist eine Tombola angekündigt und zum Nachtisch wird eine Stripperin auftreten. Aber das gibt’s heute ja bei nahezu jedem Kegelclub.

Die Bandidos haben am Samstag in Ulm eine Feier im Donautal gehabt.
© Foto: Volkmar Könneke

Bandidos: Vor Jahren gab es „Krieg“ mit „Rock Machine“

In Ulm erinnert man sich: Vor einigen Jahren gab es gewalttätige Auseinandersetzungen mit einem konkurrierenden Club namens „Rock Machine“. Seit dem Auftreten der Vereinigung in Deutschland sind etwa zehn Ermittlungsverfahren gegen Mitglieder der „Bandidos“ bekannt geworden. Zwei wurden wegen Mordes an einem Mitglied der rivalisierenden „Hells Angels“ zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Immer wieder heißt es, Bandido-Mitglieder pflegten Verbindungen ins Zuhälter- und Rotlichtmileu oder in die Drogenszene.

  Wenig, sehr wenig, sei da dran. Sagt „Andy“, offizieller Pressesprecher der „Bandidos“ Deutschland. Bei einigen Chaptern, so heißen die Ortsvereine,  habe es eben mal ein paar „Fehlleistungen“ gegeben. „Alles lokale Ereignisse“, das Gros der Mitglieder sei unbescholten.

Pressesprecher: Bandidos präsentieren „Querschnitt der Gesellschaft“

Pressesprecher, man hat richtig gehört.  Der Motorrad-Club hat alle Medien zum Fest eingeladen, erstmals überhaupt in seiner Geschichte. Foto- und Filmaufnahmen sind ausdrücklich erlaubt.  Man nennt das wohl Image-Politur. Wenn „Andy“, Schwabe mit Wohnsitz in Berlin parliert, kommen ihm Wörter wie „Länderfinanzausgleich“ oder „parlamentarischer Untersuchungsausschuss“ fließend über die Lippen.

Schlangestehen am Buffet: Drinnen bei der Feier der Bandidos in Ulm.
© Foto: Volkmar Könneke

Der 60-Jährige sagt, die Bandidos repräsentierten den Querschnitt der Gesellschaft. Einzige Bedingung für eine Mitgliedschaft: Man muss ein Mann sein, eine Harley besitzen, einen leichten Spleen haben, und die Rückendeckung der Frau oder Freundin. „Denn das ist ein kostspieliges und zeitaufwändiges Hobby.“

In Ulm steigt die Megaparty, weil das Ulmer Chapter einer der Gründungsvereine in Deutschland war. Wie bei so vielen Vereinen gelte auch bei den Bandidos: Es fehlt ein bisschen am Nachwuchs. Das Durchschnittsalter  steigt. „Wir sind Saurier“, sagt Andy.