Solche Reaktionen kennt Maria Rosendorfsky aus dem Theater Ulm eher nicht. „Die Leute singen mit“, berichtet die Sopranistin, bei manchen kullerten sogar Tränen. Ein schöner Lohn für ein besonderes Engagement: Zusammen mit dem Bassbariton J. Emanuel Pichler aus dem Opernchor und der Pianistin Alwina Meissner veranstaltet die gebürtige Wienerin kostenlose Balkonkonzerte für die Bewohner von Seniorenheimen, zuletzt im Dreifaltigkeitshof. Die Musiker stehen dabei unten, das Publikum lauscht von den Balkonen oder auch vom geöffneten Zimmerfenster aus.

Die halbstündigen Auftritte sind eine private Initiative der drei Künstler vom Theater Ulm, die derzeit wegen der Corona-Beschränkungen nicht nur keine Auftritte haben, sondern auch keine Perspektive, wann wieder so etwas wie Normalität in ihr Berufsleben einkehrt. Die große Oper mit vollem Orchester und Chor dürfte allemal noch einige Monate auf sich warten lassen. Umso wichtiger ist es dem Trio, die Stille zu durchbrechen. „Die Balkonkonzerte sind für diese Zeit eine sinnvolle Tätigkeit“, sagt Rosendorfsky.

Bewohner wochenlang „nichts anderes als kaserniert

Die drei Theaterleute sind derzeit nicht die Einzigen, die ehrenamtlich für Senioren musizieren, und sie waren auch nicht die Ersten: Bereits seit neun Wochen kommen der Münsterkantor Friedemann Johannes Wieland mit seinem E-Piano und der Saxofonist Jochen Anger, wenn das Wetter mitspielt, einmal wöchentlich zum Dreifaltigkeitshof. Die Idee entstand gleich zu Beginn der Corona-Kontaktbeschränkungen. Die Bewohner seien wochenlang „nichts anderes als kaserniert“ gewesen, sagt der Kantor.
Die Konzerte sind eine Ablenkung vom tristen Alltag. Dann spielen Wieland und Anger bekannte Volkslieder, zu denen die Bewohner oft begeistert mitsingen. Vor dem Konzert würden immer Textblätter verteilt, berichtet Wieland, aber viele könnten die Strophen auswendig. „Wenn wir abbauen, hören wir von den Balkonen immer noch die Melodien“, schwärmt Wieland von dem Erlebnis. „Das ist unglaublich schön.“
Auch für die Theaterleute sind die Balkonkonzerte eine tolle Erfahrung. Die Akustik im Freien kann nicht mit dem Theater oder einem Konzertsaal mithalten, das Repertoire beschränkt sich auf bekannte Melodien aus Oper oder Operette, statt hunderter Zuhörer sind es nur ein paar Dutzend, doch entscheidend ist die Geste. „Wir wollen damit ein Zeichen setzen“, sagt Rosendorfsky. „Wir bringen die Musik zu den Leuten, die sonst zu uns kommen.“

Weitermachen bis zum Ende der Krise

Die Balkonkonzerte gehen weiter, das Trio vom Theater plant auch Auftritte im Clarissenhof und in Laupheim, Wieland und Anger wollen ihre wöchentlichen Auftritte im Dreifaltigkeitshof fortsetzen, „wir wollen das so lange wie möglich aufrecht erhalten“, sagt der Kirchenmusiker. Wieland weiß nicht, wann er wieder mit seinen Chören im Münster arbeiten kann, Rosendorfsky weiß nicht, wann sie wieder vor einem vollen Großen Haus ihr Können zeigen kann.

Und doch sind die fünf Musiker von den Balkonkonzerten besser dran als viele andere: Sie haben feste Engagements, müssen sich nicht um ihr finanzielles Überleben sorgen. Sie und ihre Kollegen nähmen für die Konzerte keine Gage, „das würde sich falsch anfühlen“, sagt Rosendorfsky. Aber vielleicht könnten solche Formate auch eine Chance für freischaffende Musiker sein, die finanziell derzeit auf dem Trockenen sitzen. Von solchen Auftritten könnten beide Seiten profitieren.