Wenn erst die ICE-Neubaustrecke steht, möchte die Deutsche Bahn ihren Fernverkehr am Ulmer Hauptbahnhof nur noch über vier moderne Bahnsteige abwickeln. Dass dies funktioniert, ist unter Befürwortern und Kritikern des Milliarden teuren Bahngesamtprojekts Stuttgart-Ulm (S 21 und Neubaustrecke) unbestritten. Ein offener Streit ist unterdessen ausgebrochen über die Bedeutung des Bahnsteiges 5: Ursprünglich vorgesehen, hat die Bahn im laufenden Änderungsverfahren der Planfeststellung auf diesen fünften Bahnsteig verzichtet (siehe Info-Kasten), was in der Region Proteste unter allen Parteien hervorgerufen hat.

Die Auseinandersetzung ist jetzt um einen Punkt reicher: Der Ulmer SPD-Landtagsabgeordnete Martin Rivoir sieht Belege, "dass die alte Landesregierung von CDU und FDP uns einen Bärendienst erwiesen und womöglich den Bahnsteig 5 vergeigt hat". Rivoir nimmt Bezug auf eine Aktennotiz vom 2. April 2009 über Verhandlungen zwischen der Deutschen Bahn und Vertretern des baden-württembergischen Innenministeriums, das damals noch fürs Ressort Verkehr zuständig war. Aus dem Papier geht hervor, dass bei den Gesprächen die Finanzierung des Bahnsteigs 5 nicht geklärt werden konnte.

In dem von Vertretern beider Seiten unterzeichneten "Auslegungshinweis der Verhandlungsführer" heißt es: "Die DB Netz bestätigt, dass sie sich zeitnah um eine Klärung der o.g. Fragen in Abstimmung mit dem Land . . . bemühen wird. Wir sind uns einig, dass die Projektbeschreibung zur Neubaustrecke Wendlingen-Ulm im Vertrag mit dem Land und seinen Partnern nicht mehr verändert wird. Das Land bestätigt, dass hieraus seitens des Landes und seiner Partner kein Anspruch gegen die DB Netz oder die ihr konzernverbundenen Unternehmen auf Einrichtung des fünften Bahnsteigs abgeleitet wird, wenn die Finanzierung nach Vorgesagtem nicht sichergestellt ist."

Rivoir liest aus dieser gestelzten Formulierung nicht nur Zeitdruck heraus, unter dem die Verhandlungen geführt wurden. Schwerwiegender sei, dass damit die Bahn in Bezug auf Bahnsteig 5 außen vor sei und nicht auf dessen Realisierung festgenagelt werden könne.

Die SPD selber ist längst abgewichen von einem Kurs der Bedingungslosigkeit und eingeschwenkt auf den Dialog mit der Bahn. Landtagsfraktionschef Claus Schmiedel und Rivoir stehen in schriftlichem Kontakt mit Bahnchef Rüdiger Grube. Im jüngsten Schreiben beider an Grube heißt es: "Wir möchten Sie bitten, Ihr angestrebten Planänderungsverfahren . . . zu überprüfen und zumindest so zu gestalten, dass ohne großen Mehraufwand ein fünfter Bahnsteig am Ulmer Hauptbahnhof zu einem späteren Zeitpunkt gebaut werden kann."